Hans Hoffmann von der EBU warnt vor "a little bit of a bad situation"

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Die TV Europe Technology berichtete vor ein paar Tagen über ihre Masterclass-Präsentation auf der TVBEurope 2020 Konferenz, die Ende Juni 2015 in London stattfand. Das Magazin verwies dabei auf einen Vortrag, den unser FKTG-Mitglied Dr. Hans Hoffmann, Leiter der Media Fundamentals and Production Technology in der EBU Technik- und Entwicklungsabteilung, Genf, vortrug und dort noch einmal eindringlich auf „a little bit of a bad situation“ hinwies, die sich durch die Einführung einer neuen Generation von Fernsehgeräten ergeben könnte, die ausschließlich auf einer Verbesserung der Bildqualität durch Erhöhung der Auflösung basiert. Er stellte klar, dass der Wunsch der Consumer Electronics Industrie den Absatz solcher Geräte zu forcieren sehr kurz gedacht sei und möglicherweise Fernsehsender dazu bringt eine UHD-Version einzuführen, die den Zuschauer nicht zufrieden stellt  und auch keine weiterführende Interoperabilität ermöglicht. Hoffmann meinte, dass auch Untersuchungen der EBU gezeigt hätten, dass, um beim Zuschauer einen „Wow“-Effekt auszulösen, ein langfristiger Plan der Rundfunkanstalten nötig sei, der bei der Einführung des UHD-Standards eine Mischung aus verbesserter Farbmetrik, erweitertem Dynamikbereich, höheren Bildraten, erhöhter Auflösung und einem neuen immersiven Sound-System vorsieht.

Alles das sind Komponenten, die im ITU-R BT.2020 Standard vorgesehen sind, aber die CE-Hersteller bevorzugen scheinbar einen schnelleren Weg, auf dem nur die verbesserte Auflösung zählt. Der Dynamikbereich bringt indessen eine signifikante Verbesserung für bestimmten Content, und höhere Bildraten bringen erkennbare Verbesserungen für verschiedene Genres.

Meine Meinung

Es ist höchst erfreulich, dass sich nun endlich die Stimmen von anerkannten Fachleuten sowohl in den USA als auch in Europa mehren, die diesen 4k- oder UHD-Hype relativieren wollen. Der rasante und auch noch andauernde Fortschritt bei der Herstellung von Displays ist erfreulich und macht auch Sinn für verschiedenste Spezialanwendungen. Für ein allgemeines Fernsehen bringen aber ein höherer Kontrastumfang und höhere Bildfrequenzen die eigentlichen deutlich sichtbaren Verbesserungen, die, wenn sie denn eingeführt werden, guten Gewissens den Bürgern empfohlen werden können, um die  heutigen HDTV-Empfänger abzulösen. Ich würde dies selbst dann bejahen, wenn die erhöhte Auflösung entfällt und nur die Dynamikerhöhung und Bildratenerhöhung als Verkaufsargument herangezogen werden könnte. Unsere heutige 2k-Auflösung zusammen mit progressiver 100 Hz Bildrate, mit höherer Dynamik und größerem Farbraum wäre auch für die Fernsehanstalten perspektivisch in wenigen Jahren realisierbar. Ich würde es deshalb nicht ausschließen, dass solch ein System  eingeführt werden wird, das dann für diejenigen, die unbedingt 4k Auflösung haben wollen oder haben, weil es dann ja kaum noch andere Geräte geben wird, auf die höhere Auflösung skalierbar wäre.

Das haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die Display- und TV-Geräte-Hersteller längst erkannt. Aber was in unserer Welt zählt, heißt höhere Absatzzahlen, was kümmert uns das morgen. Und deshalb kommen nun in Kürze neue Geräte auf den Markt, bei denen eine leichte Kontrasterweiterung und ein größerer aber nicht standardisierter Farbraum per Fernbedienung eingestellt werden können. Es spricht nichts direkt dagegen, sich ein Bild per Fernbedienung selbst backen zu können, das einem vielleicht besser gefällt. Nur ist das ein von jedem Hersteller individueller Zusatz, bei jedem unterschiedlich, weil  nicht genormt, und es wird auch nicht so gesendet. Das alles  soll damit dem potentiellen Käufer Glauben machen, dass er sich einen 4k-Fernseher kauft, der bereits schon die Zukunft von morgen enthält. Aber dem ist nicht so, und das ist wahrscheinlich auch das, was Hans Hoffmann mit nicht weiterführender Interoperabilität gemeint hat.  Wirklich nur „a little bit of a bad situation“? 



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Boljour: Das Weblog von Norbert Bolewski