IRT 2015 - ein Jahresbericht, der das Heute und Morgen aufzeigt

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Es ist jedes Jahr erneut lohnenswert, den Jahresbericht des Instituts für Rundfunktechnik (IRT) zu lesen. Denn es ist nicht nur ein Rechenschaftsbericht darüber, an welchen Themen man im vorigen Jahr gearbeitet hat oder dran war, sondern es zeigt auch, welche Arbeiten in der Zukunft noch zu leisten sind und manchmal sogar in welchem Zeitrahmen. Man ist also, wenn man die professionelle Fernsehtechnik betrachtet, durch die einzelnen meist kürzeren Artikel gut informiert. Insbesondere in den Bereichen, in denen man selbst vielleicht nicht so genau Bescheid weiß, kann man sich so einen schnellen, sachlichen und werbefreien Überblick verschaffen.

 

Neue Positionierung beim IRT

“Was bislang klassische Rundfunktechnik war, ist heute ITK-Technik (Informations- und Telekommunikationstechnik) der CE-(Computer Electronics-)Industrie. Eine neue Positionierung ist erforderlich, eine Anpassung der inhaltlichen Schwerpunkte. Es geht darum, technische Entwicklungen aufzugreifen, gegebenenfalls anzustoßen und zu begleiten.” Das ist ein Originaltext aus dem Vorwort des IRT-Jahresberichts 2015 vom IRT-Direktor Dr. Klaus Illgner-Fehns. Er verweist dabei auf die neuen Geschäfts- und Themenfelder, die hier in einer Grafik, dem gerade kürzlich erschienenen Jahresbericht entnommen, nachstehend angezeigt werden.

 

Im Mittelpunkt stehen die drei Kernkompetenzbereiche “AV-  und Produktionssysteme”, “Netztechnologien” sowie “Mediendienste und Plattform”. Die Orientierung an der klassischen Rundfunksystematik mit den Verbreitungswegen Fernsehen, Radio und Online wurde abgelöst von einer Systematik, die ausgerichtet ist an den technischen Kernkompetenzen entlang der Wertschöpfung digitaler audiovisueller Medien. Das IRT organisiert seine Geschäftsfelder künftig entlang einer multimedialen Prozesskette, wie die Darstellung in Form von Unterthemen aufzeigt. Denn “eine der Schwierigkeiten ist es, immer mehr journalistische Medienprodukte für immer mehr Plattformen, immer schneller und unter einem immer stärkeren Kostendruck zu kreieren”, schreibt Thomas Schierbaum in der Interpretation der neuen Themenfelder.

 

Medienfabrik 4.0

In Anlehnung an den Begriff Industrie 4.0 wählte Dr. Rainer Schäfer den Begriff Medienfabrik 4.0, um damit aufzuzeigen, dass in der Medienproduktion und im journalistischen Handwerk nur standardisierte Lösungen zu einem effizienteren und kostengünstigeren Arbeiten führen werden. Die Generierung von Inhalten entwickelt sich damit immer stärker von der journalistisch-handwerklichen Einzelfertigung eines Beitrags hin zur fabrikmäßigen Fertigung einer Vielzahl von Einzelstücken in der “Medienfabrik 4.0“ mit einer hoch vernetzten, agilen Infrastruktur. Hält man demgegenüber die Einzelfunktionen der verschiedenen Systeme modular und unternehmensweit zugänglich, so könnten vertikale Parallelstrukturen aufgebrochen und flexibel veränderte Arbeitsabläufe auf der Basis dieser Module realisiert werden. Er beschreibt diese auch etwas differenzierter in seinem Beitrag zum Jahresbericht.

 

Live über IP

Denkt man an eine Medienfabrik 4.0, so spielt in der Zukunft die Verteilung der Livesignale über IP sicherlich eine große Rolle. Marc Berg und Sonja Langhans beschreiben solch ein All-IP-Medienhaus. Nun ist die gute alte IP-Technik ursprünglich überhaupt nicht für Livesignale gedacht gewesen und reagiert entsprechend kritisch bei Echtzeitverkehr. Es wurden deshalb eine Reihe von Anstrengungen unternommen, um das trotzdem in den Griff zu bekommen. Das führte zu einer Reihe von neuen Standards oder Quasi-Standards mit dem Fokus auf Studio-/Live-Produktionen. Quasi-Standards indessen sind proprietäre Lösungen, die von Unternehmen auf den Markt gebracht worden sind und damit natürlich eine eingeschränkte Interoperabilität haben. Das ist für den Einsatz in der Praxis alles sehr verwirrend und verlangt eine gemeinsame Standardisierung, wie es die SMPTE ja auch bereits anstrebt. Das IRT plant nun mit Netzwerkausrüstern und Herstellern zusammen eine Pilotinstallation, ein größeres Pilotnetz, das die heutigen Möglichkeiten und Schwächen aufdeckt. Die Autoren sprechen aber auch noch offene in verschiedenen Ebenen liegende Fragen an. So muss beispielsweise geklärt werden, wer letztendlich für die neuen Netze bezüglich Planung, Betrieb und Wartung zuständig ist. Auch konzeptionell müssen einige Fragen beantwortet werden, wie zum Beispiel, ob die neuen Netze mit dem klassischen Büronetz “verheiratet” werden kann. Wie erfolgt die Trennung und die Absicherung des Datenverkehrs und, und, und. Es gilt also gerade hier noch eine Vielzahl von Fragen zu klären und einer  praktischen Anwendung zuzuführen.

 

MXF-Analyser in der Cloud

Mit dem MXF-Analyser vom IRT gibt es eine Standardsoftware zur Analyse von MXF-Dateien. Für kleinere Produktionshäuser, die den Analyser nur für bestimmte Projekte benötigen sind indessen oft die damit verbundenen Kosten für die Anschaffung zu hoch. Die Idee ist deshalb, die Integration des MXF-Analysers in einen Cloud-Dienst. Dafür soll 2016 – wie Christina Zeeh schreibt – eine Programmierschnittstelle zur Verfügung gestellt werden.

 

HbbTV 2.0

Dem Thema HbbTV 2.0 sind gleich zwei Berichte von Klaus Merkel gewidmet. Er begleitete, testete und berichtet über die Entwicklung neuer Features für HbbTV 2.0. Ein Feature ist ein HTML5 Browserprofil, ein anderes eine App, über die Tablets und Smartphones auf einen HbbTV 2.0-Gerät starten können und umgekehrt eine App aus einem Compagnon Screen gestartet werden kann. Eine weitere Möglichkeit wird es sein, auf dem TV-Gerät synchron ein über den Rundfunkweg verbreiteten Tonsignal per Internet zu übertragen und schließlich kommen noch einige neue Videoanwendungen dazu, die beispielsweise die Nutzung der UHD-Auflösung und des HEVC-Codecs in HbbTV-Anwendungen gestatten.

Im zweiten Bericht sieht Klaus Merkel HbbTV im Hinblick auf den Wettbewerb mit Apple, Google & Co. wie er schreibt. Hier geht es einerseits darum, dass große Hersteller für die Applikationsentwicklung eigene Software Development Kits (SDKs) anbieten, dessen Zugang zu den Portalen von den Herstellern kontrolliert wird und deren kommerzielle und operative Vertragsbedingungen der Anbieter akzeptieren muss. Ein weiteres ist, dass die großen Player Zusatzgeräte für die Wiedergabe von Web-Inhalten auf Fernsehgeräten auf den Markt gebracht haben. Das sind beispielsweise Sticks, die über die HDI-Schnittstelle mit dem Fernsehgerät verbunden werden und es gewissermaßen über einen “Bypass”  zu den herstellerspezifischen Portalen schaffen. Technisch ist bei HDMI-Sticks eine Anbindung von Broadcast-Streams nicht möglich, Live-TV-Apps sind in der Regel dennoch verfügbar und werden über Internetstreams versorgt.

Es stellt sich nun die Frage welche Rolle HbbTV 2.0 im Smart TV-Markt übrhaupt spielen kann. Die Antwort lautet: HbbTV 2.0 bietet eine technische Basis für Smart TV-Apps auf der eine völlig offene, flexible und smarte TV-Infrastruktur geschaffen werden kann. Damit können alle Anwendungsfälle wie Integration von Tablets und Smartphones, UHD, Livestreams und vieles mehr abgedeckt werden. Und die Dienste müssen nur einmal entwickelt werden.

 

Untertitel für Hörgeschädigte

Berichtet wird von Andreas Thai auch über die Möglichkeit, Untertitel für Hörgeschädigte im Fernsehen und über das Internet übertragen zu können. Er beschreibt, was das Untertitel-System “Everywhere” bietet, das von der EBU definiert wurde. Es ist das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit von Rundfunkanstalten, Untertitel-Servicedienstleistern und Systemherstellern.

 

Viele zusätzliche Informationen

Eine Reihe kleinerer Berichte runden diesen sehr interessanten Jahresbericht ab, so zum Beispiel über
“Next Generation Multi-User und Multi-Screen”,

“Kreative Ideen ´hacken`”,
“Radio-App und Musik-Skip”,

“Dynamik – auch im Bild”, also zu gut Deutsch HDR, und

“DAB-Monitoring für die für die TV-Übertragung” und die
“Weltfunkkonferenz 2015”.

 

Insgesamt ist es also wieder eine sehr vielseitige Informationsbroschüre, die weit über einen normalen Jahresbericht hinausgeht. Interessant ist vielleicht auch noch am Ende eine Auflistung der Forschungskooperationen nach Projekten und Fördergebern sortiert, die Themen der  Projekte aufzeigen und was begonnen wurde, was läuft und wann es beendet sein soll.

 

Der IRT-Jahresbericht mit seinen insgesamt 60 Seiten ist auf Anforderung als gedruckte Broschüre erhältlich oder steht als pdf-File online auf der IRT-Homepage www.irt.de ( genau https://www.irt.de/no_cache/de/aktuell/news/view/article/irt-jahresbericht-innovationen-trends-und-standards.html ) zum Download bereit.


 

Boljour: Das Weblog von Norbert Bolewski