Anmerkungen zur „Filmarchivierung im digitalen Zeitalter“

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Beiträge von FKTG-Mitgliedern

Der vierte Band der Zeitschrift „Forum“ erschien im Dezember 2016. Er behandelt das Thema „Filmarchivierung im digitalen Zeitalter“ und stellt meines Erachtens die zur Zeit beste und wichtigste (überwiegend) deutschsprachige Darstellung des Themas dar, richtiger seine Problematik(en) sowie die Maßnahmen für die weitere Vorgehensweise der Filmarchivierung. Die 88-seitige Schrift enthält zahlreiche Aufsätze von anerkannten Fachleuten und sei jedem empfohlen, der sich ganz allgemein mit diesem Thema beschäftigt, um das damit im Zusammenhang stehende breite Spektrum zu erkennen und abschätzen zu können. An dieser Stelle sei auf die meines Erachtens wesentlichen Kerninformationen, gepaart mit ein paar zusätzlichen Gedanken, eingegangen. Die komplette Broschüre ist im Internet als PDF-Dokument herunterzuladen (URL siehe am Ende des Blogs)

 

Körperlicher Erhalt des Archivguts - geht das heute noch?

Dr. Michael Hollmann, der Präsident des Bundesarchivs, schreibt zu Beginn des ersten Aufsatzes der Broschüre ganz klar: "Kern der archivalischen Aufgaben bildet der körperliche Erhalt des Archivguts in seiner originalen Gestalt“. Aber da beginnt bereits die Crux. Seit über 100 Jahren wird auf physikalischen Film aufgenommen und somit wäre er dann auch die originäre Gestalt, wenn es um die Archivierung geht. Seit vielen Jahren sind allerdings hybride Produktionsverfahren üblich, d.h.,  dass Filmaufnahmen zusammen mit digitalen Bildbearbeitungsmaßnahmen in der Postproduktion das Endergebnis "Film" liefern, das dann wiederum als Filmkopie in die Filmtheater kommt oder besser kam. Denn heute wird überwiegend nur noch mit elektronisch arbeitenden Digitalkameras auf einen elektronischen Speicher aufgenommen, und nach der Postproduktion wird eine Digitalkopie erstellt, die per Festplatte oder über ein Netzwerk als Digitaldaten ins Kino gelangen und dort mittels TV-Techniken projiziert werden. Da ist der physikalische Film dann überhaupt nicht mehr existent. Es muss also tatsächlich das digitale Signale gespeichert werden.

Verzicht auf analoge Speicherung

Diese Technik, aber nicht sie allein, hat die Rahmenbedingungen der archivischen Arbeit grundlegend verändert und dazu geführt, dass das Bundesarchiv sich nun entschieden hat, künftig sowohl die Nutzungs- als auch die Sicherungskopien in digitaler Form zu bewahren und auf analoge Filmausbelichtungen grundsätzlich zu verzichten. Das mag von Vielen bedauert werden, aber zweigleisig zu fahren, eine analoge Filmausbelichtung und eine digitale Speicherung zu erstellen, wäre nach Meinung der Fachleute finanziell nicht tragbar. Allerdings auch aus vielerlei anderen Gründen nicht unbedingt wünschenswert. Denn Dr. Hollmann hat sicherlich vollkommen recht, dass ein Filmarchiv heute im Zeichen des Internet mehr Aufgaben zu erfüllen hat als früher. Die Forderung nach einer weitgehenden Online-Präsentation von Archivgut ist anzustreben und zwingt gewissermaßen die Archivare elektronische Nutzungsformen der Filme bereitzustellen, was mit Filmmaterial nicht möglich wäre.

Das nationale Filmerbe

Er spricht in seinem Bericht auch noch ein zweites Thema an, mindestens ebenso kompliziert in seiner Lösung. Man redet heute vom Erhalt des "nationalen Filmerbes". Aber im Zeichen der zunehmenden Filmmengen und der zum Teil unterschiedlichen Interessen der auch noch dazu zu rechnenden nichtstaatlichen Institutionen, die sich mit dem Thema Film (auch kommerziell) beschäftigen,  ist das ein sehr schwammiger Begriff. Gehören grundsätzlich alle Filme zu diesem erhaltenswerten Erbe? Wenn nicht, wer entscheidet dann und nach welcher Interessenlage darüber, was dazu zu zählen ist oder nicht.  Hierzu – so Dr. Hollmann – bedarf es eines Katalogs von formalen und inhaltlichen Argumenten, um zum Beispiel allein die keineswegs einzige aber aus Sicht der Archive wichtigste Frage zu klären, welche Filme den Anspruch erfüllen würden , weil sie „Einfluss auf die deutsche Gesellschaft ausübten“.

Filmerbe ist mehr als Film

Mit dem nationalen Filmerbe beschäftigt sich auch der dann folgende Autor Dr. Rainer Rother, künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen in Berlin. Er verweist dabei zum besseren Verständnis des Begriffs "Filmerbe" auf das Online-“Lexikon der Filmbegriffe“ der Universität Kiel. Dort heißt es im entsprechenden Stichwort: „Der Begriff ‚Filmerbe‘ bzw. ‚nationales Filmerbe‘ hat mehrere Facetten (Material, Speicherformat, Sicherung, Herkunft) und kann je nach Perspektive unterschiedlich ausgelegt werden. Nicht nur Filmmaterial (Nitrat-, Azetat-, Polyester-Kopien, Video, DVD und andere bestehende sowie zukünftige Träger), auch filmverbundene Objekte wie Fotos, Plakate, Zeichnungen, Pressehefte, Tonträger, Geschäftsbücher, Film- und Projektionstechnik, Bauten etc. gehören zum Filmerbe, schließlich enthalten sie wertvolle Hinweise auf Herstellung und Vertrieb eines Films." Tatsächlich hatte ich vor einigen Jahren Gelegenheit, das normalerweise nicht zugängliche Archiv der Deutschen Kinemathek besichtigen zu dürfen, das wahrlich viele Schätze beherbergt, alte technische Geräte, Drehbücher, Szenenbilder, Masken, die Koffer der "Marlene" Dietrich und kleine Filmbaumodelle. Einige Bauten oder sogar nur Teile davon original zu archivieren können ließen sich aber in Anbetracht ganzer Straßenzüge, die als potemkinsche Dörfer auf manchem Studiogelände stehen, Zweifel in mir aufkommen. Die Aufbewahrung sehr großer Originalteile wird sicherlich schnell an pragmatische Grenzen des Raumbedarfs stoßen.

Drei-Säulen-Programm

Bleiben wir also besser beim "Film". Dr. Rother verweist in seinem Bericht auch auf  das von der Filmförderungsanstalt in Auftrag gegebene Gutachten der Firma PricewaterhouseCoopers. Es empfiehlt für einen ersten Schritt die Digitalisierung von prioritär zu bearbeitenden Titeln in höchstmöglicher Qualität, die auch die Zugänglichkeit im Kino gewährleistet sollten. Die Mitglieder des Kinematheksverbundes unterstützen dabei insbesondere das ‚Drei-Säulen-Modell‘. Es sieht die gleichberechtigte Förderung der Digitalisierung des deutschen Filmerbes aus wirtschaftlichen, konservatorischen und kuratorischen Gründen vor.“ Und da sind nun schon etwas andere umfangreichere  Prioritäten als wie beim Bundesfilmarchiv zu erkennen. Es ist sehr viel weiter gefaßt und beschränkt sich unter anderem keineswegs nur auf (Spiel-)Filme, sondern es besteht in vielfältigen Formen, wie dem Dokumentarfilm, dem Animationsfilm, dem experimentellen Film. „Das“ Filmerbe existiert nicht – es wird immer neu erschlossen, neu konfiguriert werden müssen - das schreibt er fast als Credo seiner Ausführungen und man erkennt, für eine Kinemathek sehr verständlich, dass  es ihm vordringlich um die Vermittlung der Inhalte an ein kulturell und historisch interessiertes Publikum geht.

Heutige Produktionen sind digital

Erwerbe beziehungsweise Übernahmen von Kinofilmen finden, was die aktuelle Produktion angeht, ausschließlich in digitalen Formaten statt. Sieht man dann auf die technischen Spezifikationen der angelieferten Filme so gibt es die unterschiedlichsten Formate. Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich durch die Einführung digitaler Techniken bei der Kinofilmproduktion die Frage der Archivfähigkeit filmischer Unterlagen ganz neu, schreibt Karl Griep, Leiter des Filmarchivs im  Bundesarchiv. Dabei ist der Grundsatz: „Möglichst unkomprimiert und möglichst standardisiert“ nur die erste, dünne Leitschnur. In Anbetracht der vielen möglichen technischen Formate, stellt sich sogar manchmal die Frage, ob der Filminhalt für den Archivar überhaupt allein schon zur Bewertung sichtbar gemacht werden kann oder dafür technische Voraussetzungen  - sowohl Software als auch Hardware - fehlen.

Archivformate

Babette Heusterberg, Archivdirektorin im Bundesarchiv, berichtet, dass aus der Vielfalt der in der Filmwirtschaft gängigen Formate verschiedene Archivformate definiert wurden. Und nur diese werden vom Bundesarchiv als Belegexemplare aus der Filmförderung akzeptiert. Bei analogen Kinoproduktionen wird wie bisher eine ungespielte kopierwerksfrische Kopie als Belegexemplar anerkannt. Für digitale Kinoneuproduktionen gilt seit September 2015 die Vorgabe eines DCDM (Digital Cinema Distribution Master). Gerne übernimmt man zusätzlich ein unverschlüsseltes DCP (Digital Cinema Package InterOp/SMPTE). Das archivfähige Format bei der Digitalisierungsförderung von analogem Filmmaterial ist davon abhängig, in welcher Auflösung digitalisiert worden ist. Bei nachhaltiger, d. h. dem Auflösungsvermögen der Filmvorlage entsprechender Digitalisierung, wird die Hinterlegung eines DCDM unterstützt, andernfalls wird nur ein DCP archiviert.

Egbert Koppe, Leiter des Referats AT 4 (Filmrestaurierung, Filmkonservierung, Magazindienst) verweist eingangs deutlich darauf, dass es es nach wie vor Aufgabe, des Bundesarchivs ist, die immer noch reichlich vorhandenen filmischen Bestände für die Langzeit zu sichern, und dafür auch erst wie bisher bekannte Methoden der Restaurierung und des Scannens zu benutzen. Erst anschließend wird nun nicht mehr auf Filmmaterial archiviert sondern digital. Und natürlich müssen die mittlerweile fast ausschließlich digital ausgeführten Neuproduktionen sowieso in ihrer originären Form, also digital, archiviert werden. Unabdingbare Vorgabe der Archive dafür ist eine unkomprimierte oder verlustlos komprimierte und unverschlüsselte Speicherung mittels nichtproprietärer, also offener Formate. Von Vorteil wäre zudem, wenn diese Formate einerseits eng standardisiert wären, damit eine hohe Interoperabilität gewährleistet ist. Nicht in der Broschüre erwähnt, aber hier sicherlich sehr wichtig, scheinen mir in dem Zusammenhang die SMPTE-Standardisierungsbemühungen für ein einheitliches „Über-Format“ zu sein, das ich erst kürzlich in meinem Blog https://www.fktg.org/node/11507/01 beschrieben habe.

Digitales Format als Basis

Liegt ein Filminhalt digital in bestmöglicher unkomprimierter Form vor, so ist das auch die Grundlage für die weiterführende Zugänglichmachung der Filme. Denn  von dem Original-Digitalisat lässt sich zusätzlich technisch einfach auf andere Formate überspielen, um zum Beispiel die Sichtung, wissenschaftliche Bearbeitung oder öffentliche Wiedergabe über das Internet zu ermöglichen.

Der Langzeit-Datenträger - die große Unbekannte

Die große Unbekannte ist, auf welchen Datenträger man den Filminhalt sichert, um ihn wirklich Langzeit archivieren zu können, also mindestens 100 Jahre. Bei Magnetbändern und dem Einhalten entsprechender Lagerbedingungen, zum Beispiel unter 26 °C Lagertemperatur und mindestens 50 % relativer Luftfeuchte, wird eine Lebensdauer von mindestens 15 Jahren prognostiziert. Durch kontinuierlich robotergesteuerte Migration auf neue, moderne Bänder mit höherer Speicherdichte (LTO 7 ist ja gerade erschienen) kann man natürlich die Zeitdauer kaskadieren und damit verlängern.  Bei Optical Discs (zum Beispiel bei dem Sony-ODA-Verfahren) geht das Unternehmen von einer Lagerfähigkeit bis zu 100 Jahren aus. Aber bei allen diesen und wahrscheinlich auch kommenden Verfahren  bleibt die Frage, ob wir die Aufzeichnungen in 100 Jahren zum Beispiel auch noch lesen können. Oder anders gesagt: Wird es dann noch entsprechende Geräte für die Wiedergabe geben? Das ist nicht sicher und in Anbetracht technischer Weiterentwicklungen auf dem Speichersektor auch ziemlich unwahrscheinlich, wenn man nicht in der Zwischenzeit allein aus solchen Gründen auf neuere Methoden der Speicherung migriert. Und Egbert Koppe schreibt zum Beispiel, wenn auch wie ich meine leicht überlesbar versteckt, dass es eine Ideallösung für die Langzeitarchivierung von Filmaufzeichnungen nicht gibt - und es sie wohl auch nie geben wird. Er macht aber in seinem Teil des Bericht abschließend deutlich, dass die Erstellung einer Konzeption für die Langzeitsicherung von Daten in Arbeit sei und die Frage der zukünftig anzuwendenden Speichertechnologie dabei eine wichtige Rolle spielen wird.

Produktionen für das Fernsehen

Produktionen für das Fernsehen fallen eigentlich nicht in die Zuständigkeit des Bundesarchivs. Da aber auch solche Filme gefördert und damit hinterlegungspflichtig werden, waren für diese Produktionen ebenfalls Festlegungen zu treffen: Belegexemplare von HD-Produktionen sind als HD CAM SR oder im Dateiformat XDCAM HD 422 archivfähig einzulagern. Für SD-Produktionen werden eine DigiBeta und eine IMX D10-Datei zur Archivierung akzeptiert. Führt man dann noch die akzeptierten Datenträger (USB-Festplatte oder USB-Stick, USB 2.0 und höher), Formatierung (Windows FAT 32/NTFS oder Linux; LTO-Band 5 oder 6, LTFS formatiert; Daten-BluRay / Daten-DVD), sowie die Pflicht zur Herstellung einer barrierefreien Version des Films (deutsche Audiodeskription, deutsche Untertitel) an, wird die Komplexität durchzuführender technischer und auch formaler Prüfroutinen und der Bedarf nach entsprechender Infrastruktur und technischer Ausstattung deutlich. Es wäre deshalb aus meiner Sicht eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Fernsehen zu wünschen, um auch in solchen Fällen technische Mindeststandards einzuführen, die dem Gesichtspunkt einer unkomprimierten Aufzeichnung besser entgegen kommen als einige der oben genannten Formate.

Gigantische Mengen medialer Inhalte als Zukunftsaufgabe?

In der Broschüre und auch in diesem Blog ging es ausschließlich um professionell erstellte Filme, die überwiegend hergestellt wurden, um vor einem  Kinopublikum - meist aus kommerziellen Gründen - gezeigt zu werden. Die heutige Technik macht es aber möglich, in zunehmend besserer technischer Qualität private, kommerzielle und weshalb auch immer erstellte Filme aufzunehmen und per Internet zugänglich zu machen. Mehr als 400 Stunden Videomaterial werden pro Minute allein auf Youtube hochgeladen. Und auch da gibt es Überlegungen, wie mit diesen gewaltigen Datenmengen im Internet umgegangen werden soll. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass das Volumen der jährlich generierten Datenmenge schon im Jahr 2020 über 40.000 Exabyte betragen wird. Zur Veranschaulichung: Das entspricht der Datenmenge von 160 Billionen Blu-rays. Wie man das alles speichern und geschweige der Allgemeinheit zugänglich machen will, ist mir ein Rätsel. Zwar erfüllen die Medieninhalte sicherlich nur zu einem sehr kleinen Teil gesellschaftliche Ansprüche sind aber zum Teil selbstverständlich Ausdruck unser heutigen Welt und in diesem Sinne auch wert, um der Nachwelt erhalten zu bleiben. Ich bin gespannt, wie Netflix, Amazone, Google, Facebook und andere künftig damit umgehen werden.

Norbert Bolewski


Die 88-seitige Broschüre ist aus dem Internet abrufbar hier >>


P.S. Die behandelte Broschüre enthält neben den hier namentlich angeführten Berichten noch weitere, die sehr interessant sind, wie zum Beispiel wie man in Kanada mit der Sicherung der Filmbestände umgeht. Es werden auch rechtliche und archivarische Fragen dezidierter dargestellt, auf die ich hier nicht eingegangen bin.

 

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