Earth Day 22. April: Nachhaltigkeit auch bei der Medienproduktion?

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Mitte Februar 2017 gab es eine öffentliche Anhörung zum Thema „Nachhaltigkeit in der Film- und Medienproduktion“. Einberufen hatte sie der parlamentarische Beirat für nachhaltige Entwicklung im Deutschen Bundestag unter der Leitung von Andreas Jung (MdB, CDU). Man wird sich vielleicht fragen, ob denn die Nachhaltigkeit einer Medienproduktion, also ihr ökologischer Fußabdruck, in Anbetracht der riesigen Umweltverschmutzung durch Fahrzeugabgase und vielem anderen, das zur Klimaerwärmung beiträgt, überhaupt der Rede wert sei. Weit gefehlt. Die Filmindustrie in Los Angeles zum Beispiel gehört zu den schlimmsten Umweltverschmutzern. Sie rangierte zumindest im Jahre 2006 auf Platz 2 nach der Erdölförderung. Auf diese für mich neue und verblüffende Information wies Philip Gassmann (Bavaria Film GmbH) hin, einer von vier geladenen Sachverständigen, die der parlamentarische Beirat für nachhaltige Entwicklung für die öffentliche Anhörung eingeladen hatte. Die drei anderen Sachverständigen, die ebenfalls sehr paxisnah und kompetent ihre Meinungen und Vorschläge einbrachten, waren Korina Gutsche (Bluechildfilm  Communication), Christiane Dopp (Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein GmbH) und Alfred Holighaus (Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V.)


Klimaschutz Stiefkind der Medienproduktion

Auch nach Ansicht von Koruna Gutsche ist es so, dass die gesellschaftliche Entwicklung zum Klimaschutz bei der Medienproduktion bisher kaum beachtet wird. Darunter würde sie die Prinzipien Reduzieren, Wiederverwendung und das Recycling verstehen, die in allen Phasen der Filmproduktion möglichst frühzeitig betrachtet werden sollten, nicht zuletzt auch, weil ihre Kosten durchaus relevant auf die Kalkulation einer Medienproduktion einwirken.

Erste Ansätze

Es sind bisher nur einzelne Unternehmen, einzelne regionale Filmförderinstitutionen und Privatpersonen, die sich meist aus ihrem persönlichen Engagement heraus des Themas angenommen haben. Konkret nannte sie die Bavaria Film GmbH als klimaneutrales Filmstudio. Es gibt den „Grünen Drehpass“ von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein [1] . Es gibt dort ebenfalls als pdf-File verfügbar den 15-seitigen deutschsprachigen „Best Practice Guide“ [2]  mit umweltverträglichen und nachhaltigen Alternativen zur gängigen Praxis am Set. Die Berlin Brandenburg Film Commission bietet einen noch im Aufbau befindlichen Greenfilm Service Providers Guide [3]. Koruna Gutsche selbst hat zu dem Thema ein Fachseminar für Produktions- und Aufnahmeleiter veranstaltet. Und als weiteres Beispiel nannte sie ein Pilotprojekt der Medien- und Film-Gesellschaft Baden-Württemberg, die mit Zieglerfilm Baden-Baden, SWR und ARD, einen  TV-Spielfilm produziert hat, der wissenschaftlich begleitet und CO2 bilanziert wurde. In diesem Jahr geht man einen Schritt weiter, bietet den Filmproduzenten, die eine Förderung bekommen, eine Beratung an und stellt einen Carbon-Footprint-Calculater zur Verfügung.

Im Ausland ist man schon weiter

Im Ausland  sei man in einigen Ländern schon deutlich weiter. Die US-amerikanische Producers Guild of America hat schon CO2 -Kalkulationsrechner, einen Best Practice Guide und auch Sachverständige. Die britische Filmakademie BAFTA bietet Schulungen über Nachhaltigkeit an. In Frankreich haben sich unter dem Namen Ecoprod verschiedene Initiativen zusammengeschlossen und bieten das gleiche an. Die Motion Picture Association of America, der Verband der sechs großen amerikanischen Filmproduktionsgesellschaften, wie Universal Studios und Sony Pictures Entertainment, schreiben Jahresberichte zum Tag der Erde (Earth Day).

Gewissermaßen als versöhnlichen Ausklang ihres Referats anzusehen war der Hinweis, dass auch wir auf dem richtigen Weg seien. Denn seit dem 1. Januar 2017 ist das Gesetz über Maßnahmen zur Förderung des deutschen Films (Filmförderungsgesetz - FFG) in Kraft. Es soll unter anderem  eine bundesweite Filmförderung unter Berücksichtigung ökologischer Belange fördern. Und laut Koalitionsvereinbarung 2016-2017 soll die Vergabe von Fördergeldern an ökologische und sozialverträgliche Standards verknüpft werden.

Ihre Wünsche an die Zukunft:

  • eine Studie, die untersucht, wie nachhaltig die Filmwirtschaft ist;
  • die Erstellung eines Praxisleitfadens für die Filmemacher draußen vor Ort;
  • Ökostandards für die Medienbranche;
  • eine Green-Service-Datenbank, die darüber informiert, welches Serviceunternehmen welche Leistungen anbietet, und die einen CO2-Bilanzrechner einschließt;
  • ein  „Grüner Lehrplan“ in Bildungsinstitutionen im Medienbereich, denn für die zukünftige Generation, die im Filmbereich einen Beruf lernt oder studiert,  sollte es selbstverständlich sein, Nachhaltigkeitsaspekte zu beachten.

 

Der „Grüne Drehplan“

Das Referat von Christiane Dopp vertiefte noch einige Aspekte, die Korina Gutsche zuvor bereits kurz erwähnte. Im „Grünen Drehplan“ geht es darum, bereits in der Vorbereitungsphase Fragen der Nachhaltigkeit und Ökologie in den Filmproduktionsprozess zu implementieren. Dazu gehört zum Beispiel der Cateringbereich, an dem angesetzt werden kann. Auch bei der Ausstattung wird unglaublich viel Material verbraucht. Nach dem Dreh landet das meiste davon auf dem Müll. Das ginge auch anders. Ein anderes Stichwort war Transport und Mobilität, wo sich mit etwas überlegterer Planung vieles verbessern ließe. Auch sie berichtete über den als unter nachhaltigen Gesichtspunkten vorbildlich dafür geltenden Film „Buddy“ von Michael Herbig. Statt ursprünglich 650 Tonnen konnte durch Umsetzung uimweltnachhaltigerer Maßnahmen am Ende auf nur insgesamt 400 Tonnen CO2 reduziert werden. Mit diesem Wert ließ sich zwar das Einsparpotential endlich mal realistischer benennen. Trotzdem, ein grundsätzliches Problem bis heute ist, dass es noch viel zu wenig Zahlen gibt, die Vergleiche ermöglichen.

Sie erwähnte ferner, dass der Deutsche Filmförderfonds über eine Selbstverpflichtungserklärung zu einer umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Produktion des Films anregen will. Wer diese nicht erfüllt, sollte einen Punkteabzug erhalten. In Belgien ist man zum Beispiel strikt und zahlt bei Filmförderungen die letzte Rate nur aus, wenn eine CO2-Berechnung durchgeführt worden ist.

Föderale Struktur kontraproduktiv

Wenn auch erst im abschließenden Frage-Antwort-Teil der Anhörung machte Christiane Dopp sehr deutlich, dass unser heutiges Fördersystem überdacht werden müsse.  Die föderale Struktur in Deutschland wirkt sich nämlich sehr kontraproduktiv aus. Oft kann Sie von den Produzenten Argumente hören wie „Ich bekomme zum Beispiel Summe X vom Land Schleswig-Holstein und muss das Geld auch dort ausgeben. Den nächsten Fördertopf habe ich in Nordrhein-Westfalen oder in Bayern und muss entsprechend weiterziehen.“ Das heißt, am Ende wird durch die Filmförderung eine „Tournee durch Deutschland“ auch noch  unterstützt, und das ist weder für das Klima noch für die Umwelt gut.

Auch sie kam mit einer „kleinen aber feinen“ Liste und wünschte

  • einheitliche ökologische Standards und damit bundesweite Richtlinien, die einen Vergleich zwischen den Bundesländern möglich machen und
  • „grüne Berater“, um eine einheitliche Ausbildung erhalten.

 

„Giftküche“ Medienproduktion

Philip Gassmann, Regisseur, Producer und Nachhaltigkeitsmanager bei der Bavaria Film GmbH, berichtete, dass man dort bereits einiges in Sachen Nachhaltigkeit implementiert hat. Auslöser, war eine Studie der University of California, Los Angeles (UCLA), die 2006 festgestellt hat, dass die Filmindustrie in Los Angeles zu den schlimmsten Umweltverschmutzern gehört. Sie rangiert auf Platz 2 nach der Erdölförderung. Man hat verschiedene Werte erhoben: Treibhausemissionen, Energieverbrauch, Rohstoffverbrauch, toxische Substanzen, und gemerkt, dass da eine ganz schöne „Giftküche“ entstehe. Bei der Bavaria waren diese Überlegungen Anlaß für die Initiativen „Green Studios“ bzw. „Carbon Neutral“. Sie ließen sich bei der Bavaria in München durch zwei von ihm als eher banal bezeichnete Lösungen deutlich verbessern. So konnte der CO2-Ausstoß des ganzen Geländes durch Ökostrom und Geothermie innerhalb von zwei Jahren um 95 Prozent gesenkt werden. Grund dafür sind warme Quellen unter dem Studiogelände, ein Glücksfall, der nicht auf andere Gegebenheiten übertragbar ist.

Umweltverschmutzer „rollender Campingplatz“

Die nach wie vor enormen Umweltverschmutzungen durch Filmproduktionen hängen mit der hohen Mobilität der Filmsets zusammen, mit dem, wie er es nannte, „rollenden Campingplatz“. Denn bei einer Produktion kommen unzählige Wohnmobile und LKWs zusammen, die schon allein für die vielen Fahrten eine riesige Menge an CO2, Ruß- und Stickoxide emittieren. Bei einer kleinen TV-Serie werden beispielsweise 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt, das bedeutet etwa 150.000 Liter Diesel im Jahr. Eine deutliche Reduzierung böten CNG-Fahrzeuge, also Erdgasfahrzeuge. Nahezu jeder große Hersteller bietet Erdgasfahrzeuge an. Das Problem aber sei, dass kein einziger Verleiher sie zur Verfügung stellt und deswegen eine riesige Möglichkeit verschenkt, signifikant Einsparungen zu leisten.

Warum den Verleihern kein Licht aufgeht

Was die Energie in Form von Strom anbelangt, so entfallen bis zu 90 Prozent auf die Erzeugung von Licht. Das konventionelle Filmlicht, das im Augenblick noch überwiegend eingesetzt wird, ist viel zu energieintensiv.  Moderne Scheinwerfer mit Leuchtdioden schaffen es, einen  Lichtstrom von bis zu 300 Lumen/Watt zu erreichen. Damit könnte man den bisherigen Stromverbrauch um 80 bis 90 Prozent reduzieren. Das Problem ist, dass große und damit auch sehr teure  LED-Scheinwerfer bei keinem Verleiher in Deutschland erhältlich sind. Grund ist, dass die Verleiher ihre alten, schon abbezahlten Scheinwerfer im Lager stehen haben, mit denen man Geld verdienen kann. Sollen sie ihre Scheinwerfer verschrotten, die sie vor noch gar nicht so langer Zeit erst abbezahlt haben? Die Situation für sie ist teilweise dramatisch. So gibt es eine ganze Reihe von Rental-Betrieben, die gerade alle ihre Geschäfte an Großkonzerne verkaufen, weil sie einfach kein Geld mehr haben, um Neuinvestitionen vorzunehmen.

Das ist ein Bereich, in dem der technische Fortschritt schneller vor sich geht, als vernünftige Wirtschaftlichkeitsrechnungen eine Einführung zulassen.

Abenteuerliche Energieerzeugung

Das andere wichtige Thema ist die Energieerzeugung im Outdoor-Bereich. Die Produktionen setzen häufig Schiffsdiesel als Generatoren ein – das sind wahre Dreckschleudern. Doch die Geräte haben nicht nur Bestandsschutz, es gibt auch eine Gesetzeslücke. Die Geräte unterliegen keiner Prüfung durch den TÜV, und sie unterliegen auch keiner Schadstoffprüfung. Das heißt, die Generatoren können ungehindert in die Luft jagen, was sie wollen. Das hat dazu geführt, dass die Generatoren in Berlin mittlerweile teilweise verboten wurden. Die Produzenten sind verzweifelt und wissen nicht, was sie tun sollen. 

Als „kleine Lösung“ bieten sich der "Stromkoffer" an. Es gibt aber aus den USA auch Lösungen mit großen Energieakkumulatoren, die man über Solarkollektoren beladen kann. In Kanada werden Energieanhänger eingesetzt. Damit können ganze Rockfestivals mit Strom versorgt werden. Das Problem ist, dass man die Geräte in Deutschland nicht findet. Kein Verleiher in Deutschland stellt sie zur Verfügung. Das ist das eigentliche Problem, denn mit solchen Geräten ließe sich im Prinzip signifikant etwas verändern.

Beispiel für eine „kleine Lösung“ vor Ort mittels Stromkoffer

Sehr interessant ist eine Entwicklung aus der Bauindustrie: der MobilHybrid, quasi ein Hybridauto für Baustellen. Es handelt sich um einen großen Stromspeicher, an den alle anderen Stromgeräte angeschlossen werden. Der MobilHybrid schaltet den Generator automatisch erst an, wenn die große Batterie nicht mehr genügend Strom hat. Man spart damit extrem viel Abgas ein (s. Bild 2). Aber solche Geräte sind noch nicht für Filmproduktionen erhältlich. Dazu gibt sogar mittlerweile eine Solaranlage, die man schon manchmal auf Baustellen findet, die bis zu 24 kW pro Stunde erzeugt, also eine riesige Menge. Hier besteht das gleiche Problem, dass nämlich kein Rental-Betrieb in Deutschland diese Geräte zur Verfügung stellt, obwohl sie in der Bau-Industrie erhältlich sind.

Beispiel für Schaltverhalten eines MobilHybrid-Generators, der  automatisch erst anspringt, wenn die Batterie nicht mehr genügend Strom hat

Das Gleiche gilt für Gasgeneratoren, die man kaufen kann und die sehr gut funktionieren. Sie wären die Lösung für die ganze Problematik der Dieselgeneratoren. Aber man wird keinen einzigen Gasgenerator in irgendeinem Rental-Betrieb finden. Das gilt auch für Hybridgeneratoren.

Bei den Generatoren ist es die gleiche Problematik wie bei den Verleihern schon angedeutet, das zeigte die spätere Diskussion auf. Für einen Rental-Betrieb ist es eine große Investition, einen neuen Generator zu kaufen, die 200.000 bis 300.000 Euro kosten. Denn mittlerweile werden sie zu Schleuderpreisen von 60 bis 70 Euro am Tag vermietet oder sogar kostenlos überlassen, wenn andere Sachen mit angemietet werden.

Sind nachhaltige Produktionen wirklich teurer?

Alfred Holighaus kommt von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V., das ist ein Dachverband für alle Verbände, in denen die Firmen repräsentiert sind, die Filme herstellen, verwerten, ins Kino bringen oder die Postproduktion machen, sozusagen der ganze Filmindustriesektor. Er sprach  über das eingeschränkte Bewusstsein in der Branche zum Thema Nachhaltigkeit.

Um erst einmal ein positives Beispiel zu nennen berichtete er, dass die Arthouse-Kinos in Deutschland bereits zu zwei Dritteln komplett auf Ökostrom umgestiegen sind und die großen Kinos zumindest Stromspar- und Energiesparmodelle verfolgen. Das ist sicher auch nicht unverständlich, schließlich läßt sich damit Geld sparen.

Bei der Produktion ist es komplizierter. Es gab im Jahr 2016 unter den Filmproduzenten eine Umfrage (Produzentenallianz-Jahresumfrage 2016), aus der hervorging, dass der Mehrzahl der Filmproduzenten in Deutschland bewusst ist, dass sich etwas ändern muss. Zwei Drittel finden das Thema wichtig. Bei der Frage nach dem Umsetzungsstand, sieht es indessen anders aus. Nur noch knapp die Hälfte der Befragten gab an, zumindest teilweise nachhaltig und energiesparsam zu produzieren.  „Wenn sie die Möglichkeit hätten, würden sie die neuen Technologien auch stärker nutzen“, meinte er. Aber nachhaltige Produktionen seien tatsächlich kostenintensiver.

Tatsächlich? Gerade der vorherige Vortrag von Phillip Gassmann zeigte doch einige Alternativen auf, wie man ökologischer produzieren und dabei sogar sparen könnte. Schlüssig scheint es mir deshalb nicht unbedingt, dass bei ökologischer Produktion alles teurer werden müßte. Deshalb mehr Geld für die Filmförderung zu bekommen, stellt zwar den üblichen aber meines Erachtens keineswegs zielführenderen Weg dar. Mit seinem Abschluss-Statement hat er aber sicherlich Recht, nämlich dass es wünschenswert wäre einen „grünen Berater“ in die Kalkulation eines Films einzubeziehen.

An die Protagonisten

Alles in allem gaben die Sachverständigen eine Reihe von Anregungen, die auf großes Interesse stießen und im parlamentarischen Beirat zu einigen spontan geäußerten Überlegungen führten. Inwieweit sie letztlich wirklich den Weg in Gesetzesvorlagen oder Verordnungen finden werden, bleibt allerdings abzuwarten. Und ob sie dann wirklich zum Umweltschutz beitragen, ist auch nicht immer sicher. Denn nach wie vor spielen bei der Medienproduktion Geld und die jeweilige (Bundes-)Landespolitik eine große Rolle. Aber es ist erfreulich, dass es die Anhörung gab und damit auch das Thema Medienproduktion innerhalb des Gesamtthemas Umweltverschutzung etwas öffentlicher wird. Vielleicht hilft es auch, die Anzahl ihrer Protagonisten zu vervielfachen.

Norbert Bolewski


Links

  1. Drehpaßantrag
  2. „Best Practice Guide"
  3. Greenfilm Service Providers Guide

 

 

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