Fernsehqualität macht keinen Spaß mehr

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Es kann durchaus sein, dass die meisten Fernsehzuschauer  der technischen Qualität von Fernsehbildern kaum irgendeine Beachtung schenken und selbst gröbere Unterschiede überhaupt nicht merken. Das kann aber nicht Maßstab für  den öffentlichen Fernsehrundfunk sein und ist es auch nicht. So  haben ARD und ZDF über europäische Vereinigungen (EBU) und insbesondere das Institut für Rundfunktechnik IRT technische Spezifikationen  erarbeitet, die  ein Höchstmaß an Qualität bieten können. Aber es scheint so, als ob man immer weniger Wert darauf legt.  Wer immer auch dafür jeweils zuständig ist, es soll hier nicht die “Schuldfrage” in den Vordergrund gestellt werden, wahrscheinlich weniger der Ingenieur oder Techniker in den jeweiligen Sendeanstalten, aber für manche Produktionsmitarbeiter scheint die Technik nur Hilfsmittel zu sein, und man muss sich überhaupt nicht  danach  richten. Vielleicht sollten die technischen Mitarbeiter ruhig mal etwas mehr intervenieren, wenn sie der  Auffassung sind, wenn offensichtlich den technischen Spezifikationen und Anforderungen absolut nicht Genüge getan worden ist. Für jemanden, der in seinem Berufsleben ganz eng mit diesem Ringen um die technische Qualität der Fernsehsendungen verbunden war, sollten aber Ärgernisse, hier auch ruhig mal angesprochen werden können. Insbesondere, wenn sie nicht einer hohen Aktualität oder besonders schwierigen Aufnahmebedingungen geschuldet sind, dafür hat man  Verständnis.

Bühnenshow statt Fernsehshow?

Der European Song Contest  am 13.5.2017 mag eine gute Bühnenschau gewesen sein, bot aber eine völlig misslungene Bildführung für die FS-Zuseher. Die LED-Wände und die Projektionen überstrahlten den Vordergrund. Für die Zuschauer vor Ort war der große Kontrast verarbeitbar, für die Kameras und die Übertragung ist diese Größenordnung nicht darstellbar. Die Bühnenshow war also ausschließlich für die Präsentation vor Ort ausgerichtet. Das Bühnenbild war für die FS-Übertragung nicht geeignet. Die gigantische Lichtshow wirkte übertrieben und schuldete nur dem Erfinder. Das direkte Licht in die Kameras ist dem Zuseher nicht zu vermitteln. Dazu kamen noch die Tonprobleme, die eine Zuordnung zu den Darstellern nicht zuließ.

Laute(r) Rote Rosen

“Rote Rosen” gab es am 9.5.2017: Aber die Hintergrundgeräusche waren während der ganzen Sendung viel zu laut, die Dialoge gingen unter und waren daher nicht hörbar. Ältere Aussendungen hatten diesen Mangel nicht, zum Beispiel  Wiederholungen von alten Filmen, die ich in besserer Tonqualität in Erinnerung habe. Wie kann so etwas sein?

Es ist allgemein zu bemerken, dass alte Aufnahmen in der neuen Methode der Ausstrahlung, Probleme mit dem Hintergrundton haben. Die “Tagesschau” eröffnet sehr laut, die Sprecher später sind danach leise. Der Zuseher ist ständig am Regler. Bei der “Tagesschau24” ist die Differenz noch höher.

Lautheitsschwankungen immer noch ein “Dauerbrenner”

Der Unterschied der Lautheit ist auch zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern hoch, so dass der Zuseher ständig nachregeln muss. Selbst innerhalb einer Sendung ändert sich die Lautheit.

Das alles schadet dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es gibt tatsächlich schon einzelne Stimmen, die - hoffentlich satirisch gemeint, aber da darf man sich vielleicht auch nicht sicher sein -  meinen,  die Rundfunkanstalten würden  ihre Zuseher auf die schlechte technische Qualität der Online-Angebote vorbereiten. Damit würde dann aber der Broadcastbereich vorsätzlich vernachlässigt werden. Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht mehr in der Lage, die komplexen technischen Vorgänge zu beherrschen, wird hier zu viel gespart?

Mit der EBU-Richtlinie für die Lautheitswiedergabe im Fernsehen sollte eigentlich etwas völlig anderes erreicht werden.

Florian Camerer, ORF, schrieb  in der Zeitschrift “Kameramann” 2016: „Seit etwa vier Jahren muss man nicht mehr sofort leiser machen, wenn die Werbung kommt. Seit etwa vier Jahren klingen unterschiedliche Programme und Sender ungefähr gleich laut. Verantwortlich dafür ist die Lautheitsnorm EBU R128.“ Leider sind diese Aussagen nicht zutreffend, siehe Tabelle am Ende des Textes.

Alte Fehler neu gemacht

Viele Mitwirkende sind auch schwer verständlich, liegt es an der Sprachausbildung oder spart der Rundfunk an der Mikrophonierung?

Bei der Aufnahme von Bildern hapert es immer wieder an der Schärfeebene, die Ebene liegt nicht auf dem wichtigen Bildteil. Auch die Bildschwenks sind unmotiviert und hektisch. Bei der Ausleuchtung mit LEDs sind in dunklen Teilen blaue Ränder und Flecken mit zunehmender Häufigkeit zu sehen. Warum werden diese Fehler nicht bei der Abnahme bemerkt?

Der Rundfunk ist hier offensichtlich nicht in der Lage, technisch hochwertige Aufnahmen zu liefern. Man muss sich doch ernsthaft fragen, “Warum gibt es eigentlich technische Pflichtenhefte (Herausgeber Institut für Rundfunktechnik in München), die eine hochwertige Aufnahme gewährleisten”, wenn sie denn nicht beachtet  werden.

Prof. Dietrich Sauter


Tabelle: Lautheitsmessungen (Excel-Datei)


Zur Tabelle: Die leider im Internet nur sehr schwer darstellbare und deshalb als normales Excel-File herunterladbare Tabelle (Link) zeigt Messungen des Autors vom Mai 2016 bis zum 11. März 2017. Als Maß wurde die erste Lautheitsmessung am 23.5.2016 beim Programm “Das Erste” (ARD)  angenommen, alle späteren Messungen sind relativ dazu.


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Kommentare

Besonders ärgerlich ist m.E. die häufig unbrauchbare Ton-Aussteuerung bei Kultur- bzw. Wissenschafts-Sendungen auf "3Sat", wenn z.B. ausländ. O-Ton und deutscher Off-Übersetzer gleich laut abgespielt werden. Sprecher vor der Kamera sind i.d.R. deutlicher zu verstehen (Präsenz-Anhebung) als die meist muffigen Off-Sprecher/Flüsterer. Anscheinend muss besonders das ZDF (als Gastgeber der 3Sat-Produktion) an der Technik sparen...

 

Lieber Herr Sauter,

leider haben Sie im Grundsatz Recht. Unabhängig von manchem seltsamen Drehbuch ist die handwerkliche Qualität teilweise erschreckend. Auch relativ bekannte Formate leiden darunter. Ein Höhepunkt der Unfähigkeit war der Tatort mit Borowski aus Kiel. Offensichtlich ist die Erfindung eines Statives an den Produzenten spurlos vorüber gegangen. Natürlich ist das alles künstlerischer Aspekt - aber wenn man nichts mehr erkennen kann und einem auf dem Sofa (nicht wegen des Inhaltes) schlecht wird? Insbesonder die großen Displays bedingen eben eine andere Kameraführung - nicht ein hektisches Verwackeln... Im Übrigen war auch hier der Ton wieder kaum zu verstehen. Insofern ein handwerklicher "Totalschaden". Leider gibt es immer mehr derartige Produktionen insbesondere in den etablierten Reihen. Beste Grüße

S. Breide