Buchbesprechung

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Beiträge von FKTG-Mitgliedern

 "Bewegtbilder und Alltagskultur(en)"

"Von Super-8 über Video zum Handyfilm. Praktiken von Amateuren im Prozeß der gesellschaftlichen Ästhetisierung". Eine Rezension von Norbert Bolewski.


Das Buch enthält eine Auswahl von rund 20 von Ute Holfelder und Klaus Schönberger überarbeiteten Vorträgen, mit dem Ziel, einen möglichst breiten Horizont auf Filmpraktiken von Amateuren zu eröffnen. Im Vordergrund stehen dabei Fragen, welche Bedeutungen für Amateure das Filmen  und die damit verbundenen Praktiken wie das Bearbeiten, Distribuieren, Archivieren und Rezipieren haben und welche sozialen Funktionen die Bewegtbilder übernehmen können. Es geht also auch um das Verhältnis von Technik, Apparatur und Akteuren, die verschiedenen Aspekte des Alltagshandelns sowie um Fragen der Bild-Ton- und Inhaltsanalyse sowie um Erörterungen des Filmens im Alltag.  Einige Spitzlichter  sollen die Breite der Darstellungen dokumentieren. Das gesamte Inhaltsverzeichnis kann mit  diesem Link abgerufen werden.

Zu einigen Beiträgen

Smartphones mit integrierter Kamera werden zunehmend zu Dingen des alltäglichen Handelns. Auch als Mittel der Alltagsorganisation und -kommunikation haben mit mobilen Geräten aufgenommene Filme, Fotos und Audios mittlerweile eine große Bedeutung in ganz unterschiedlichen sozialen Kontexten erlangt, sei es beim Möbelhausbesuch Fotografien als Erinnerungshilfen oder Handyvideos für die Selbstrepräsentation in den sozialen Netzwerken des Internets. (Thomas Hengarter)

Während sich klassische Positionen der Filmsoziologie vorwiegend auf populäre Formen des erzählenden Spielfilms im  Kinos konzentrieren kommt ergänzend die Ausweitung von Bewegtbildproduktionen bis in den Alltag hinein hinzu. Es werden von Carsten Heinze und Rainer Winter deshalb  Fragen angesprochen, auf welchen sozialen Feldern des Alltags filmische Aufnahmen an Relevanz gewinnen, was die Ausweitung der Bewegtbilder vor allem für die soziale Rezeption und Aneignung bedeutet.

Im Beitrag von Johanna Rolshoven werden Überlegungen zu dem Verhältnis zwischen Bild und Bewegung angestellt, und zwar in Form bewegter Bilder, Bilder, die reale Bewegung festhalten und technisch bedingte Illusionen von Bewegung des Statischen im Bild.

Ramon Reichert schreibt über Online-Videos und versucht sie in kulturelle Bedeutungsprozesse einzubetten.

Paolo Caneppele und Raoul  Schmidt geben einen Überblick über aktuelle archivbasierte Forschungen zum Amateurfilm im europäischen Raum.

Stephan Grundei berichtet über die österreichische Mediathek, in der seit 2014 private Videoaufnahmen gesammelt, digitalisiert und langzeitarchiviert werden. Damit finden erstmals in großem Umfang privat hergestellte Quellen Eingang in die Sammlung des öffentlich zugänglichen Archivs. Der Großteil des Materials wurde in den 1980er und 1990er Jahren hergestellt und wurde damit auf Video-Formaten aufgenommen, deren Abspielbarkeit mit jedem Jahr weniger gewährleistet werden kann. Schon jetzt ist das Material vieler Bänder schadhaft, darüber hinaus gestaltet sich die Suche nach geeigneten Abspielgeräten teilweise als äußerst schwierig. Nur ein Teil der in den diesen Jahren hergestellten Videoaufnahmen kann überhaupt noch digitalisiert und damit langzeitarchiviert werden.

Michael Gruenich und Sebastian Thalheim gehen der Frage der Verwendungspraxen privater analoger Amateurfilme der Normal- und Super 8-Ära in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten (1950er bis 1980er Jahre) nach.

Jasmin Böschen behandelt das ästhetische Potenzial von Handyfilmen zur Filmbildung. Hierzu wird die mobile Kamera aus historischer Perspektive beleuchtet, um die Differenz bzw. den Mehrwert, den die Mobiltelefone durch spezielle Charakteristika gegenüber anderen Kameras haben, zu umreißen.

Akademischer Sprachduktus

Das Buch enthält den Untertitel "Von Super-8 über Video zum Handyfilm. Praktiken von Amateuren im Prozeß der gesellschaftlichen Ästhetisierung". Der Begriff der "gesellschaftlichen Ästhetisierung" findet sich in der klassischen Soziologie sowie bei manchen Philosophen und hat mich gleich stutzig werden lassen. Tatsächlich wird derjenige, der kein Soziologie- oder Philosophiestudium absolviert hat - und dazu gehört der Rezensent -  bei manchem Mühe haben, die Texte fortlaufend um einen Erkenntnisgewinn sich bemühend  zu lesen. Im Prinzip handelt es sich um eine überarbeitete Sammlung von rund 20 Vorträgen zu diesem Gesamtthema auf der Basis einer gleichnamigen Wissenschaftlichen Konferenz der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt von 29. bis 31. Oktober 2015. Was mich dabei sehr stört, ist die bewußte Akademisierung der Sprache. Viele Sätze, die ich zum Teil mehrere Male lesen und darüber nachdenken mußte, was sie bedeuten, hätte man in eine vielleicht "gehobene Alltagssprache" überführen können, die auch Menschen mit guter Schulbildung und nativen Deutschkenntnissen das Lesen zu einer Freude hätte werden lassen. Als Journalist, der 30 Jahre als Chefredakteur einer technisch-wissenschaftlichen  Zeitschrift, der FKT, tätig war, kenne ich auch Versuche von Autoren, ursprünglich gut verständliche verbale Darstellungen bei Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift in der Wortwahl zu akademisieren. Und damit sind nicht die Fachbegriffe gemeint, die man natürlich bei den Rezipienten in seinem Fachbereich voraussetzen muß, sondern die bewußte verwissenschaftlichte und in seiner sprachlichen Form elitär zu nennende Beschreibung. Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass man sich in der angelsächsischen, insbesondere der amerikanischen, Wissenschaftwelt, seit langen stark bemüht, in einer populär verständlichen Form die Inhalte darzustellen. Und gerade bei einer Buchveröffentlichung, die den Inhalt vielleicht auch etwas größeren Kreisen zugänglich machen soll, würde sich das wohl besonders anbieten. Und es hätte sich auch gelohnt, denn viele Themen der sachkundigen Referenten sind höchst interessant und lohnen auch eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Norbert Bolewski


Angaben zum Preis und zur Bestellung (Broschur 978-3-86962-241-5 EUR(D) 32,00 finden sich hier. Das Buch ist auch als E-Book (PDF erhältlich: E-Book (PDF) 978-3-86962-242-2 EUR(D) 27,99.

 

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