Smarte Smartphone-App: Notfallkommunikation bei Netzausfall und ohne Strom

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Vorsorge bei Naturkatastrophen und anderen Notfallsituationen

Ein Bericht von Norbert Bolewski. In Deutschland und nun auch gerade jüngst in den USA wird auf ein Szenario hingewiesen, dass zum Beispiel durch Naturkatastrophen oder andere unerwartete Ereignisse großflächig das Mobilfunknetz und somit der Zugang zum  Internet ausfallen könnten. In einer solchen Situation ist selbst dann, wenn die Akkukapazität des Smartphones noch ausreichend wäre, keine Verbindungsaufnahme zu irgendwelchen Notfalldiensten,  Familienmitgliedern usw. mehr möglich. Umgekehrt ließen sich auch die Menschen in dieser Zone über Smartphones nicht mehr erreichen. Die amerikanische Umweltbehörde meinte deshalb, dass die verwendeten Chips in vielen Smartphones einen UKW-Empfang grundsätzlich ermöglichen und man dies auch von Hause aus künftig vorsehen sollte. Denn dann könnte man die betroffenen Personen wenigstens warnen  oder über Rettungsmöglichkeiten informieren. Solche Smartphone/UKW-Chips gab es bei älteren Smartphones tatsächlich, allerdings wurde in den neueren Geräten diese Möglichkeit nicht mehr vorgesehen, weil dies auch den Einbau einer Antenne vorausgesetzt hätte und den Leistungsbedarf für das Smartphone deutlich erhöht hätte. Nach Auskunft einiger Chiphersteller ist  deshalb in allen heutigen Smartphones auch gar keine technische Möglichkeit dafür mehr implementiert.

Die einzige Möglichkeit bei neueren Geräten eine Radio-App ohne Internet nutzen bzw. Radio ohne Internet hören zu können bestünde dann darin, sich einen FM-Transmitter als Adapter zu kaufen und diesen dann immer bei sich zu tragen. Viele der UKW-Antennen und FM-Transmitter zum Anstecken werden meistens über den Kopfhöreranschluss betrieben und mit Strom versorgt.

Tatsächlich hat zwar heute praktisch jeder Bürger ein Smartphone fast immer dabei aber wohl kaum einen solchen Transmitter und wenn der Strom ausfällt sind selbst stationäre UKW-Empfänger wertlos.


Das Projekt “smarter”


Eine smarte Lösung wäre es zu erreichen, ohne das Stromnetz und ohne einen Zugang zu einem Telefon- und  Internet-Anschluss über einen gewissen Zeitraum eine solche Möglichkeit realisieren zu können. Aber geht das überhaupt?

Seit März 2015 forschen das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), die Technische Universität Darmstadt und die Universität Kassel gemeinsam in dem Projekt. Mit “smarter” wurde eine Lösung zur ad-hoc-Notfall-Kommunikation über Smartphones erarbeitet. Über die eigens entwickelte App wird dafür eine direkte Verbindung von Smartphone zu Smartphone (ad-hoc-Netzwerk) hergestellt, über die Informationen weitergegeben werden können, ohne dass eine zentrale Infrastruktur wie das Mobilfunknetz dafür nötig ist. Dabei untersuchten die Forschungspartner unterschiedliche Bereiche – von der technischen Machbarkeit über die rechtlichen Rahmenbedingungen bis zum Verhalten und den Bedürfnissen der Menschen in Krisen und Katastrophen.

Erfolgreicher Praxistest

Die Technik wurde im September 2017 erstmals im Rahmen einer Feldübung erprobt. Auf einem Militärübungsplatz bei Paderborn (Bild) wurde für 125 Probanden ein Krisenszenario simuliert: Ein starkes Unwetter und ein lang anhaltender Stromausfall legten das Mobilfunknetzwerk lahm. Über die smarter-App auf dem Smartphone konnten die Probanden dennoch Kontakt zu Angehörigen aufnehmen, Lebenszeichen verschicken und einen Hilferuf aussenden. Ebenso war es möglich, Ressourcen wie beispielsweise Essen, Decken oder Streichhölzer zu tauschen und Verhaltenshinweise zu erhalten. Durch weitere fiktive Bedrohungslagen mussten die Probanden die App unter Stress auf ihre Stärken und Schwächen testen. Die zentrale technische Frage war, ob auf dem weitläufigen Terrain in dem ad-hoc-Netzwerk Daten zwischen entfernten Kommunikationsinseln zuverlässig ausgetauscht werden können. Die Feldübung ermöglichte es den Forschern, wichtige Daten unter realistischen Bedingungen zu erheben und auszuwerten. Erste Ergebnisse der einzelnen Forschungspartner wurden nun in Darmstadt vorgestellt.

Wichtige Funktionen für den Notfall

Die bisherige Auswertung der Daten zeigt, dass es für die Probanden am wichtigsten war, Nachrichten auszutauschen, Hilfe zu rufen und Informationen zu erhalten. Rund 70 Prozent der Teilnehmer  gaben nach der Feldübung an, die smarter-App für Notfälle auf ihr Handy laden zu wollen. Es gibt also auch in der Bevölkerung ganz allgemein ein hohes Interesse daran, sich mit dem Thema Hilfe und Selbsthilfe auseinanderzusetzen und für den Katastrophenfall gewappnet zu sein.

Technische Realisierung und Rahmenbedingungen

Durch die Arbeit der TU Darmstadt und ihrem Fachgebiet Sichere Mobile Netze (SEEMOO) und des Hessischen Telemedia Technologie Kompetenz Center e. V. (httc) ist der Grundstein gelegt, dass die smarter-App erfolgreich auf gängigen Smartphones verwendet werden kann. Die Teilnehmer  schätzten die Benutzeroberfläche und die Menüführung der App als benutzerfreundlich ein. Auch der Datenschutz spielte bei der Entwicklung der App eine zentrale Rolle, womit sich die Projektgruppe provet der Universität Kassel auseinandersetzte. An der TU Darmstadt wurde ebenfalls für die nötige IT-Sicherheit der App gesorgt, denn die Verschlüsselung der kommunizierten Inhalte in der smarter-App war für die Probanden ein wichtiges Thema. 80 Prozent möchten, dass Missbrauch mit ihren Daten ausgeschlossen wird.

Abschließende Ergebnisse Ende Januar

Die abschließenden Ergebnisse werden am 30. Januar 2018 auf der in Berlin stattfindenden Abschlussveranstaltung des Projektes vorgestellt.

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  • Ein recht informativer 6-minütiger Film über das Projekt, seine Protagonisten und die Teilnehmer zeigt dieses YouTub-Video
  • Die o.g. App wird in diesem Video von der Handhabung her vorgestellt.

Copyrights der Filme und Bilder: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie TU Braunschweig

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