HD-HDR: Sollte 2018 tatsächlich wieder der Verstand regieren?

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Seit Beginn der HDR-Diskussion schreibe ich mir in meinem Blog hier fast die Finger wund, dass Auflösung und hohe Dynamik im Fernsehbild zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind. Ich habe vor Jahren mit anderen zusammen geschrieben und die Meinung vertreten, dass 4K für einen Fernsehzuschauer in einem „normalen“ Wohnraum meist keinen großen Sinn ergibt.

Eine Neujahrsbetrachtung von Norbert Bolewski


Ich hatte stets Verständnis dafür, dass die Fernsehgeätehersteller ihren Umsatz mit 4K-Geräten steigern wollten und da es ihnen gelang, die Preise für solche Geräte mit neuen Herstellungstechniken und Verfahren gegenüber den früheren HD-Geräten nicht wesentlich teurer zu produzieren,  hatte ich mich mit ihnen versöhnt. Ich habe allerdings nicht begriffen, warum Fernsehsender unbedingt in 4K senden wollten und meinten, dass die Zuschauer darauf abfahren. Und die Produzenten müssen natürlich das produzieren, was die Fernsehanstalten haben wollen.

Anders als die höhere Auflösung bei UHD gegenüber HD kann HDR, also eine höhere Dynamik im Bild, eine für den Menschen deutlich erkennbare Verbesserung des Bildes und eine Annäherung an die fast naturgetreue Wiedergabe schaffen, wenn die Betrachtungsbedingungen das zulassen und der Farbwiedergabeumfang vergrößert wird. Aber das nahm niemand zur Kenntnis, bis man nun endlich merkt, dass 4K nicht nur sehr viel mehr Bandbreite braucht und damit deutlich teuer wird und HDR noch zusätzlich draufgesattelt, an den Grenzen des heute wirtschaftlich vertretbar scheinenden stößt. Warum so habe ich mich immer gefragt, macht man nicht HD-HDR, also HDR mit HD-Auflösung. Ganz einfach: Weil das keiner vorgesehen hatte und es dementsprechend keine Standards dafür gibt. Es konnte also nicht sein, weil HDR bislang per Definition (!) nur mit UHD machbar ist. In den letzten drei Monaten kommen nun verstärkt Meinungen aus den USA - aber auch von Europa (EBU) - die sich endlich trauen, das auch offen anzuprangern. Einen mir geradezu aus der Seele sprechenden Text fand ich heute in einer Prognose für 2018 für unsere Broadcastwelt. Er stammt von Hamish Greig, dem Technischen Direktor von CTV Outside Broadcasts, GB, also jemandem, den man wohl ausreichende Fachkompetenz in dieser Branche bescheinigen wird können. Es gab bereits auch von anderen Seiten ähnliche Ausführungen, aber er hat es hier wie ich meine kurz und prägnant wie selten zuvor auf einen Nenner gebracht. Ich habe mir deshalb erlaubt, seinen Text zu übersetzen, um damit vielleicht auch in Deutschland eine Diskussion darüber zu unterstützen.

„2018“ - so schrieb er in seiner Jahresvorschau - „wird das Jahr sein, in dem HDR Vorrang vor einer höheren Bildschirmauflösung hat, selbst wenn es (nur) mit HD ausgestattet ist.“

„Das Ultra High Definition (UHD)-Erlebnis wird durch die Bildschirmgröße und die Entfernung zum Bildschirm bestimmt, während die Erkenntnis wächst, dass diese erhöhte Zeilenauflösung nichts mit der subjektiven Wirkung zu tun hat, die ein BT.2020-Farbraum-HDR-Bild (High Dynamic Range) für den Betrachter hat.

Es geht um die Details in den Schatten und Lowlights sowie um die hellen Lichter und der größte Wow-Faktor kommt mit der Aktivierung von HDR und Wide Colour Gamut (WCG) und nicht von UHD. WCG erweitert die Farbpalette, vor allem im primären grünen Bereich des Spektrums, um die Qualität der Pixel zu verbessern und so die Farben lebendiger und breiter zu machen.

Trotz der Verdoppelung des Speicherbedarfs und der Übertragungsbandbreite und der Notwendigkeit, 10-Bit-Codecs zu verwenden, sollten Produktionen in der Lage sein, diese signifikante Steigerung der Inhaltsqualität zu nutzen, während sie dennoch alle Standardwerkzeuge und -funktionen nutzen können, die in 1080i SDR (Standard Dynamic Range) Einrichtungen verfügbar sind.

Seiner  Meinung nach „sehen SDR-Bilder wie Bilder einer Szene aus, während HDR-Bilder tatsächlich wie die Szene aussehen“. Auf der anderen Seite scheint UHD ein bequemer Marketing-Trick zu sein, um mehr Fernseher zu verkaufen, während HDR sich wirklich wie der nächste große Schritt im Rundfunk anfühlt.

Vielleicht sollte 3G-SDI 1080P50 mit LOG gamma HDR die nächste Generation der TV-Produktion sein, sicherlich mehr als ein unnötiger Sprung zu 12G-SDI für 2160P50 UHD-Auflösung. Meiner Meinung nach sollten wir 4K für die Kino-Großbildwand belassen und stattdessen die Pixelqualität für die heimischen Zuschauer verbessern.“

Da bleibt nur zu sagen: Frohes Neues Jahr!

 

Der übersetzte Text ist Teil einer Vorschau auf auf 2018 mit mehreren Experten.

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Kommentare

Lieber Herr Bolewski, lieber Norbert,

So ist es - vielen Dank für diesen Hinweis auf eine bereits lange diskutierte Tatsache.Tatsächlich gibt es sehr viele Belege dafür, dass die HDR-Technik deutlichere Verbesserungen der Bildqualität beim Endkunden erbringen kann, als die "stumpfe" Einführung von 4k. Insbesondere die Betrachtungsbedingungen und Bildhöhen-Abstandsverhältnisse ist für 4k im heimischen Bereich kaum gegeben. Insofern ist es überfällig, an dieser Stelle in der Standardisierung ggf. nachzusteuern. Ferner ist nebenbei darauf hinzuweisen, dass bei gleicher Bildschirmgröße der aktive Pixelfüllgrad bei 4k schlechter ist, d.h. der Energieaufwand für vergleichbare Leuchtdichten i.a. höher ist. Es wäre schön, wenn diesem Aufruf für HDR-HDTV 1080P50 auch Taten auf der Produktionsseite folgen würden - Kameratechnik gibt es ja hinreichend.

S. Breide

Obwohl ich, wie in den meisten Fällen, Herrn Bolewski bei seiner Meinung über UHDTV weitgehend zustimmen kann, muss ich doch eine Aussage von ihm korrigieren: HD-HDR ist sehr wohl standardisiert: Unter dem Oberbegriff UHDTV findet man das Format 1080p50 ausdrücklich sowohl in der ITU-R BT.2100 als auch in der DVB Spezifikation vom Nov.2016. Das bedeutet, dass z.B. über DVB-T2 auch ein HD-HDR übertragen werden könnte.Aber warum bietet das kein Hersteller an? Ganz einfach, weil die dafür notwendige Technik (HEVC, Übertragungsfunktionen, 10bit, Farbraum 2020 usw.) bis auf die örtliche Auflösung dem des UHDTV Formats entspricht (daher ist das Format ja unter dem Begriff "UHDTV" gelistet, wie auch z.B. das 8k Format) und da ist es für den Gerätehersteller natürlich einfacher seine Fernseher mit dem zugkräftigen Label UHDTV (und der 4k Auflösung) zu verkaufen. Aber für die Fernsehanstalten wäre es natürlich sinnvoll dies zu tun, könnten sie so dem Zuschauer in den allermeisten Fällen die gleiche Bildqualität liefern wie bei UHDTV, nur mit niedrigeren Datenraten. Oder ist der erreichbare Zuschauerkreis bei DVB-T2 zu klein dafür?

Lieber Herr Bolewski.

Ihr Artikel und auch der übersetzte Text von  Hamish Greg sprechen endlich eine deutliche Sprache. Wir haben oft über Sinn oder Unsinn von 4K für den normalen V-Gebrauch diskutiert. Es ist zu hoffen, dass nun endlich auch die Programmmacher und Produzenten erkennen, dass ein Format HD+HDR für die Bildqualität und auch die Bandbreiten-Ökonomie die sinnvollere Version darstellt. Doch wie in der Vergangen nutzt die ganze Diskussion wenig, wenn nicht die entsprechenden Gremien endlich die Rücksicht auf die Verkaufzahlen der Geräteindustrie aufgeben und wie Hamish Grey Klarext reden und damit in die Öffentlichkeit gehen. Die FKTG könnte endlich einmal in den Medien ihre Stimme erheben. Auch an ARD und ZDF sollte diese Botschaft adressiert werden.

Danke für Ihr unermüdliches Informieren über aktuelle Themen.

W. Sommerhäuser

Lieber Herr Bolewski,

Sie bringen es auf den Punkt. Bei dem Auflösungsthema muss man zwischen der Anzahl der zu übertragenden Pixel und der über den Distributionskanal zu übertragenden Auflösung unterscheiden. Schon in der Produktion kommt es oft zu Auflösungsverlusten und zusammen mit der Kompression bei der Distribution verringert sich die jetzige HD-Auflösung auf unter 576 Zeilen(SD). Eine geeignete Ende-zu-Ende Messung würde dieses bestätigen. Mit 1080p@50fps und HFR/HDR wäre daher ein guter Kompromiss, um die Bildqualität bei den limitierten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern.

Ich bin hingegen aber auch der UHD-Auflösung positiv gegenüber eingestellt. Ich gehe täglich mit Bildmaterial von 4K und höher um und für die Produktion gibt es nichts Besseres.

Ob es hingegen einen Mehrwert für den Kunden gibt, hängt davon ab, ob das Marketing auch genügend Budget für eine wirkliche UHD-Produktionskette mit genügend Bandbreite für die Distribution kalkuliert hat. Ist dieses nicht der Fall, könnte ein 1080p@50fps (HFR/HDR) Stream mit ausreichender Bandbreite sogar eine höhere Auflösung als eine UHD-Stream mit geringer Bandbreite liefern. Wir haben solche Auflösungstests mit geeigneten Testbildern im 35mm Filmbereich durchgeführt und dieses ist natürlich auch für den Videobereich eine Möglichkeit, um die Auflösungsfragen eindeutig zu beantworten.

Auflösungsbetrachtungen für 16/35mm Film:

http://waveletbeam.com/index.php/news/32-35mm-test-calibration-film

https://www.youtube.com/watch?v=zHnvAM_CHUQ&t=23347s

Viele Grüße aus OWL,

Dirk Hildebrandt

 

Lieber Norbert,

Deine Abneigung gegen UHD teile ich voll. Die Sitzgewohnheiten der Menschen sind nicht von der Fernsehnorm abhängig. Die Ausrichtung ist anatomisch bedingt

Zu den einzelnen Aussagen:  HDR-Fernseher brauchen 1000 bis1700 W/h und sind damit wenig energieeffizient. Heute verbrauchen Fernseher 140 bis 340 W/h. Auch wird der versprochene Kontrast im Wohnzimmer von 1:1000 nicht erreicht, da wir nicht in einem völlig dunklen Raum sitzen. Schon eine Kerze vermindert den Kontrastumfang merklich.

Der immer wieder eingebrachte größere Farbraum BT2020 hat, wie in einem gleich abständigen Farbraum (Bild 2) zu sehen ist, nicht die großen Erweiterungen im Grünen sondern im Roten. Der Bereich Cyan, der besser erfasst wird, spielt im normalen Leben keine Rolle bei der Farbtreue, wichtig ist die richtige Wiedergabe der Hautfarben.

4k im Kino ist sinnvoll, soweit das Kino eine große Leinwand hat. HDR  wird auch hier nur wirksam, wenn der Raum völlig dunkel ist.

 

Deinen Vorschlag HDR bei HDTV einzusetzen finde ich gut. Die Fernseher mit 4k können wir nicht verhindern, da sie deutlich billiger in der Fertigung sind.

Eine Änderung der Sendenorm ist überfällig, die EBU hat hier mit Blick auf ihre anderen „Schauplätze“ den Anschluss verschlafen.

Prof. Dietrich Sauter