Künstliche Intelligenz in der Medienproduktion – heute & morgen

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Martin Braun (FKT): Nachlese zum FKTG-Panel auf Hamburg Open


Wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) die Medienproduktion künftig unterstützen kann und welche konkreten Anwendungsfälle es heute bereits gibt, stand auf der Hamburg Open im Zentrum eines Experten-Panels – moderiert vom FKTG-Geschäftsführer Jürgen Burghardt.

Zum Bild: Zu KI in der Medienproduktion diskutierten auf der Hamburg Open die Experten Rainer Kellerhals (Microsoft), Jakob Rosinski (IBM), Christian Hirth (The Chainless GmbH), Ralf Jansen (Arvato Systems) und Jürgen Burghardt (FKTG, v.l.n.r.)


Microsoft-Mann Rainer Kellerhals skizzierte eingangs, wie sich KI für das Schaffen neuer Inhalte eignet. So können Algorithmen die Retusche von Bildmaterial unterstützen, indem sie etwa Gesichtsmerkmale verändern oder gar verbessern. „Das ist für die Werbung sehr interessant.“ Gleichzeitig hilft KI dabei, den Aufwand bei TV-Produktionen deutlich zu reduzieren. Das Reality-Format „Big Brother“ beispielsweise gibt es seit 20 Jahren – „das ist ein Format, das tatsächlich im Fernsehen noch immer ganz gut läuft, aber in den Online-Medien nie richtig Fuß gefasst hat“, sagte Kellerhals. Smartphone- oder Tablet-Nutzer sind daran gewöhnt, unterwegs kurze Videosequenzen abzurufen. Also suchte der Produzent Endemol Shine nach einer KI-Lösung, die Schlüsselszenen automatisch erkennen und einen Zusammenschnitt der Highlights erzeugen kann.

Enormer Zeitaufwand

Denn diese Highlights manuell zu sichten und auszuwerten, würde einen enormen Zeitaufwand bedeuten – vor dem Hintergrund, dass im Big-Brother-Haus 96 Kameras rund um die Uhr Videomaterial liefern. „Wir haben hier mit Endemol Shine zusammengearbeitet, um mit Künstlicher Intelligenz automatisch zu erkennen, ob Personen beispielsweise miteinander streiten, ob sich ein bestimmtes Paar näherkommt oder ob es bestimmte Szenen gibt, die aus anderen Gründen das Interesse der Zuschauer wecken.“

Vollautomatischer Trailer-Schnitt

Auch abseits solcher Reality-Formate ist die automatische Highlight-Erstellung von Interesse, wie IBM-Experte Jakob Rosinski erläuterte. Als der Hollywood-Produzent 21th Century Fox mit dem Kinostreifen „Das Morgan Projekt“ einen Film über Künstliche Intelligenz vorgelegt hatte, steuerte IBM mittels der KI-Plattform Watson den dazugehörigen Trailer bei, und zwar vollautomatisch geschnitten (auf Youtube frei abrufbar). Den Schnitt gelernt hatte Watson anhand anderer gelungener Trailer aus dem Thriller-Genre – multimodal trainiert, im Sinne von: „Wie ist die Bildschnitt-Charakteristik, wie ist das Sentiment, wie ist die Tonlage?“, erläuterte Rosinski.

Klares Regelwerk

Auch im Sportbereich ist „Highlight-Detection“ interessant, wenn es etwa um Zusammenfassungen der Golf Masters oder der Tennis-Partien in Wimbledon geht. „Das kann man relativ stringent lösen, als informatisches Problem.“ Nach bestimmten Aspekten lässt sich hier ein klares Regelwerk festlegen: Wenn der Moderator aufgeregt ist, das Publikum applaudiert oder es viel Aktion auf dem Videobild selbst gibt, dann kann es sich dabei um relevante Szenen für eine Zusammenfassung handeln.

Güte der Trainingsdaten

KI-Anwendungen können Medienunternehmen auch bei der Erschließung und Verschlagwortung von Archivmaterial unterstützen – hierbei ist nicht nur die Analyse von Daten wichtig, sondern insbesondere auch die Güte der Trainingsdaten. Darauf verwies Christian Hirth, Chef des Videomining-Spezialisten The Chainless. Die Trainingsarbeit übernehmen Dokumentare, in dem sie dem System beispielsweise regionale Persönlichkeiten anlernen. Aber auch die automatisierte Erzeugung von Trainingsdaten ist ein Ansatz. Wichtiger Aspekt in beiden Fällen: „Die data sets bleiben beim Kunden, Trainingsdaten werden nie freigegen“, betonte Hirth.

Kontext entscheidend

Dass die Zusammenstellung dieser Daten aufwändig ist, daran ließ Ralf Jansen von Arvato Systems keine Zweifel. Wichtig sei, auch Verknüpfungen zwischen den Trainingsdaten zu trainieren. „Der Kontext ist entscheidend.“ Momentan stellt diesen noch der Mensch her – es ist indes nicht auszuschließen, dass hier künftig aber auch übergeordnete, neuronale Netze ins Spiel kommen.

Mit einem Plädoyer für mehr Wagemut schloss Rainer Kellerhals: „In Deutschland denken wir über Künstliche Intelligenz immer in Richtung Automation, in Richtung künstliche Intelligenz ersetzt menschliche Arbeitskraft.“ Andere Länder würden bei KI eher die neuen Möglichkeiten sehen. „Wir sind zu sehr auf Risiken fokussiert, sollten aber auch die Chancen, die KI bietet, in den Blick nehmen.“

(FKT / Martin Braun)

Siehe auch:www.hamburg-open.de


Bildquelle:FKT / Martin Braun

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