Interview mit Ulf Genzel, Medienconsulting

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Ich kenne Ulf Genzel seit Anfang der 1990er Jahre und habe seit dieser Zeit seine sachliche und analytische Beurteilungsgabe schätzen gelernt.

Nach zahlreichen Stationen beim Fernsehen und in Medienunternehmen arbeitet er seit Ende 2010 als freier Berater im Bereich Media & Entertainment. Als ich hörte, dass er einige Tage in Berlin sein wird, verabredeten wir ein Gespräch im Dezember, weil ich von ihm einige Beurteilungen der heutigen Situation in dem sich stark wandelnden Medienbereich erfahren wollte. Das gesamte Interview dauerte über eine Stunde. Die hier von ihm autorisierte Version ist eine etwas verdichtete und verkürzte Fassung.

Teil 1: Die künftige Fernsehlandschaft

Welche Bedeutung werden der öffentlich-rechtliche und der private Fernsehrundfunk in Zukunft noch haben?

Das duale System, das wir in Deutschland haben, ist für die politische Landschaft extrem wichtig. Es ist für mich Bestandteil eines demokratischen Systems, dass man Rundfunk und Fernsehen nicht komplett in private Hände gibt. Dieses System sollten wir in Deutschland grundsätzlich zu schätzen wissen. Es wird aber in der Zukunft deutliche Verschiebungen geben.

Wohin?

Ich glaube, eines der Probleme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist, dass sie es unter dem Druck der privaten Konkurrenz nicht mehr schaffen werden, in ihren Budgets genau den Anforderungen zu entsprechen, die zukünftige Verbreitungswege verlangen. Stichworte: Mediatheken, Video-on-Demand, Plattformen für spezialisierte Spartenprogramme. Das wird unglaublich teuer. Und ich vermute, dass die Schmerzgrenze beim typischen Konsumenten für noch höhere Gebühren erreicht ist. Die letzten Gebührenerhöhungen waren zumindest argumentativ vernünftig begründet: Einführung von HDTV, von Mediatheken und den Aufbau von Archiven für das mediale Kulturgut. Aber jetzt wird es zunehmend schwerer  dem Zuschauer zu vermitteln, warum er eventuell noch mehr bezahlen soll. Der Zuschauer kann ja auch nicht wirklich differenzieren, was er nun eigentlich für HDTV bezahlt oder für Programme von ARD und ZDF „On Demand“. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird sich in Zukunft aus meiner Sicht auf hochwertige Produktionen fokussieren müssen. Hoffentlich, sollte man sagen, denn nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird langfristig kostentechnisch in der Lage sein, wirklich hochwertige Radio- und Fernsehprogramme zu produzieren. Im Umkehrschluss: Der private Rundfunk wird immer auf den Kommerz schielen müssen und damit auch auf Formate, bei denen es letztlich auf die Zuschauerzahl – die Quote -  ankommt.

Aber genau das macht doch das öffentlich-rechtliche Fernsehen seit einiger Zeit ganz genau so und das ist ja auch nicht nur meine Kritik, sondern die sehr vieler Zuschauer. Die Dritten Programme wurden ja mal als Kulturprogramme eingeführt. Ich habe den Eindruck, dass sich daran niemand mehr erinnert.
 
Ich bin mir sicher, dass wir irgendwann erleben werden, dass die Dritten Programme in Frage gestellt werden, weil es vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß erscheint, in jedem Bundesland ein eigenständiges Programm zu veranstalten. Das stammt ja noch aus der Zeit der Gründung der Bundesrepublik, um in einer möglichst pluralistischen Gesellschaftsform einer zentral gesteuerten Medienverbreitung entgegen zu wirken. Ob das heute noch vor dem Hintergrund der Finanzierbarkeit möglich ist? Da wird es sicher Veränderungen geben.

Wir erleben ja seit einigen Jahren, dass die Nutzung des Internets immer weiter steigt und die TV-Nutzung seit einigen Jahren durchschnittlich bei 3 bis 3,5 Stunden pro Tag und Bundesbürger stagniert. Es ist nicht zu erwarten, dass die Sehdauer des statistischen täglichen Fernsehens steigen wird, sondern dass eine kontinuierliche Verlagerung stattfinden wird. Die Menschen werden technisch gesehen zunehmend über das Internet fernsehen.  Das ist aus meiner Sicht eine Frage der Bandbreitenentwicklung. Sobald man 50 oder 100 Mbit/s stabil auf einem PC oder einem Smartphone/Tablet empfangen kann, gibt es wohl kaum noch Grenzen, um auch eine hohe technische Qualität auf kleinen mobilen Geräten abbilden zu können. Ich glaube, dass es dann zu einer weiteren Veränderung der Medienlandschaft in Deutschland kommen wird. Es wird dazu führen, dass die öffentlich-rechtlichen Anbieter ihren Fokus mehr auf Qualität und inhaltlichen Anspruch legen werden, während die Privaten nach wie vor auf leichte Unterhaltung setzen, nicht zuletzt, weil insbesondere der jüngere Zuschauer das immer mehr fordert.

Weil sie die jüngere Generation ins Feld führen: Second Screen, Social TV – wird das unseren Medienkonsum nachhaltig verändern?

Der Second Screen ist aus meiner Sicht ein brauchbares Mittel insbesondere die jüngeren Menschen vor dem Fernsehschirm zu binden. Die jüngere Generation nutzt ja quasi permanent Smartphones oder auch Tablets, um in ihren persönlichen Netzwerken aktiv zu sein. Ich kann mir deshalb sehr gut vorstellen, dass die Second-Screen-Angebote mit dem Fokus auf das Programm, das gerade im Main Screen läuft, benutzt werden. Technologisch wird das ja bereits ermöglicht.

Man kann Menschen eben noch zusätzlich über den Second Screen erreichen. Ich hatte im vorigen Jahr mit einem holländischen Anbieter von Rights-Management-Systemen zu tun. Dort hat man eine Technologie entwickelt, über den Fernsehton ein Watermark auszustrahlen, welches ein Second Screen (z. B. ein Smartphone) über den Raumton empfängt und damit sekundengenau Inhalte mit dem Main Screen synchronisiert . Das heißt, man verfolgt ein Fernsehprogramm und über das nicht hörbare Watermark im Ton „weiß“ das Smartphone genau, an welcher Stelle man sich im Fernsehprogramm gerade befindet. Nun können zusätzliche Services über den Second Screen angeboten werden. Meist werden es wahrscheinlich kommerzielle Zusatzangebote sein. Bestellen Sie sich doch gleich die Uhr, auf die James Bond gerade im Film schaut… Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit , insbesondere für die öffentlich-rechtlichen Sender, hochwertige Second-Screen-Angebote zu schaffen, die zum Beispiel für das Nutzerverhalten der jüngsten Generation geeignet sind. Die „Sendung mit der Maus“ wäre ein gutes Beispiel dafür.

Wo sind neue Medienunternehmen zu erwarten und auf welchen Plattformen?
 
Die Plattform ist in erster Linie das mobile Internet. Und da sehe ich eine riesengroße Zukunft. Gerade eben, als ich durch Berlin fuhr, sah ich die Werbung eines großen mobilen Providers für LTE mit 100 Mbit/s. Wenn man mit derartig hoher Bandbreite Videomaterial auch auf mobile Endgeräte übertragen kann, dann eröffnen sich für Unternehmen neue Möglichkeiten, den Zuschauer zusätzlich zu Text und Bild auch über multimediale und dynamischere Inhalte zu erreichen. Die Anbieter werden beispielsweise große Marken sein, wie Automobilhersteller und andere, um mit optischen Eye Catchern ihr Publikum zu bekommen. Das Angebot wird nicht mehr primär über den Text vermittelt, sondern über Bilder, Videos und den Ton.
 
Wird das angebotene Programm kostendeckend sein?
 

Nein, wohl nicht. Das kann nur im Rahmen von einem Gesamtmarketing einer großen Firma gesehen werden. Der Pizzabäcker an der Ecke wird sich keine entsprechende Werbung dieser Art im großen Stil leisten können. Selbst bei immer günstigeren Produktionskosten wird es dennoch für Kleinstunternehmen nicht so einfach möglich sein mitzuhalten.

Aber es hat doch auch schon einige größere Anbieter in früheren Jahren gegeben, die damit „baden gegangen“ sind…

Sie waren aus meiner Sicht einfach zu früh am Start. Daimler Chrysler TV, Sparkasse TV, Fraport TV und eine Reihe anderer sind in der Tat relativ schnell wieder verschwunden oder stark geschrumpft Daimler-Chrysler zum Beispiel hatte seinerzeit vor, in sehr großem Umfang, Videomaterial an Händler zu verteilen - angefangen bei Schulungen von Mechanikern bis hin zu Marketingaktivitäten für potentielle Kunden. Vor 5 bis 10 Jahren war die Verbreitung des Materials immer noch kostspielig und sehr aufwändig, was sich ja nun durch die Nutzung des Internets stark vereinfacht hat. Die TV-Sender-artigen Systeme und aufwändigen Verbreitungswege waren schlichtweg zu teuer. Wir werden in naher Zukunft bestimmt wieder mehr Selbstdarstellungen in Form von Imagefilmen im Internet und im mobilen Netz vorfinden. Aber an das große Business-TV glaube ich nicht, weil es sich nicht rechnet.

Aber sehen Sie nicht auch neue Chancen für kleinere TV-Anbieter, möglicherweise private TV-Freaks mit eigenem (Internet-)Kanal. Ich frage mich bloß, führt das in die Profanisierung oder zu einer Art Demokratisierung der Medien?

Ich glaube, es wird beides sein. Man findet ja heute auf Youtube tolle Berichte, bei denen sich Leute sehr viel Mühe gegeben haben. Man kann sogar junge Talente entdecken. Aber man findet eben auch unglaublich profanes Material, bis hin zu Gewaltdarstellungen auf dem Schulhof, was ich als sehr negativ im Sinne einer Art Verrohung ansehe. Chancen gibt es also einerseits für interessante Videos mit extrem kleinem Budget, aber auch die Veröffentlichung von kaum fassbarem „Schrott“ wird sehr leicht möglich sein. In diesem Zusammenhang ein aus meiner Sicht positives Beispiel: Die Medienanstalt Berlin Brandenburg (MABB) hat versucht, diese Kleinstanbieter mal sozusagen an einen Tisch zu bekommen. Die unglaubliche Anzahl von über 1000 Kleinstanbietern, wie Spree-TV, Kiez-TV usw., die den Anspruch haben, jeden Tag beispielsweise 15 oder 30 Minuten Programm zu veranstalten. Bei der MABB wurde überlegt, wie man diese Anbieter technisch alle am besten unter ein Dach bekommen könnte - wie man sie zum Beispiel auf ein gemeinsames Format adaptiert, damit auch die Verbreitung einheitlicher, vielleicht sogar auf einer gemeinsamen Plattform, durchgeführt werden könnte. Das empfinde ich als einen beachtlichen Ansporn. Es hat sich aber gezeigt, dass es nicht möglich war, diese 1000 Kleinstanbieter auf irgendeinen Format-Standard festzulegen. Was aus dem Projekt zwischenzeitlich geworden ist, konnte ich dann leider nicht mehr verfolgen.


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