DVB-T migriert zu DVB-T2

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Drei Thesen vom ZDF-Produktionsdirektor Dr. Bereczky

Nun haben sich ARD und ZDF am 18. September 2013 relativ schnell gemeinsam darauf verständigt, dass sie im Jahre 2017 beginnend auf das DVB-T2-Verfahren umsteigen, migrieren, wollen. Man kann es wohl auch so interpretieren, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland den Erhalt der dazu nötigen Frequenzen und nicht gar deren Abschaltung bzw. Umwidmung für den IP-Mobilempfang wünschen. Das war im Grunde genommen auch der Tenor bereits auf dem ARD/ZDF-Pressekolloquium vor rund einem Monat auf der IFA in Berlin. Die Gründe dafür stellte damals noch als Gesprächsgrundlage einer nachfolgenden Podiumsdiskussion der ZDF-Produktionsdirektor Dr. Andreas Bereczky in einem 15-Minuten-Vortrag vor. Diese wichtige Stimme aus einem öffentlich-rechtlichen Sender, seinerzeit vorgetragen als Thesenpapier, sei hier abgebildet.

Drei Thesen von Dr. Bereczky

Dr. Bereczky stellte drei Thesen vor:

These 1: Es gibt keine Frequenzknappheit.

Wir beobachten weltweit eine starke Konzentration der Telekommunikationsunternehmen. Das reduziert ihre Anzahl. Weniger Unternehmen brauchen weniger Frequenzen.

These 2: Die Nutzung von Videos nimmt dramatisch zu.

Das Internet ist für die lineare Programmnutzung von TV-Sendungen nicht optimal. Indessen eignet sich beispielsweise DVB-T ganz hervorragend dafür.

These 3: Die Flatrate ist zu Ende.

Mobilgeräte gibt es heute schon nicht mehr mit Flatrate. Das einzige Gerät, das man mit Flatrate kaufen kann, ist ein DVB-T-Empfänger. Im Mobilfunk gibt es demnächst nichts mehr umsonst.

Das – so der Referent – sind die Rahmenbedingungen, auf die wir uns zu bewegen.

TV-Nutzung

Man hat das lineare Fernsehen schon öfter totgesagt. Tatsächlich beträgt die statistische Nutzung des Fernsehens im Jahr 2012 222 Minuten. Und es ist keineswegs abzusehen, dass diese Art der TV-Nutzung durch eine nichtlineare Nutzung substituiert wird.

Wie sieht das bei DVB-T aus. DVB-T ist die erste und bislang einzige vollständig digitale Übertragungstechnik. Sie wurde 2008 in Deutschland etabliert. 90% der Bevölkerung können öffentlich-rechtliche Sender über DVB-T empfangen.

Die technische Reichweitenentwicklung hat sich verbessert. Etwa 8% in Deutschland benutzen sogar DVB-T für das Erstgerät, in Ballungsräumen, zum Beispiel in Berlin, sind es 22%, in anderen sogar 25%. Das heißt, diese Menschen hätten bei einer Abschaltung kein Programm. Und es gibt sogar bereits 1 Million Fahrzeuge auf den deutschen Straßen die den DVB-T-Fernsehempfang eingebaut haben. Aus Sicht des ZDF ist damit die Technik etabliert.

Für die Zukunft von DVB-T gibt es unterschiedliche Einschätzungen. RTL hat gesagt, dass sie 2014 aufhören wollen, über DVB-T zu senden. Mitte des Jahres haben sie schon in München abgeschaltet – aber die frei gewordenen Plätze wurden sofort von anderen belegt. Die Ankündigung von RTL ist allerdings nachvollziehbar, denn es fehlte die Planungssicherheit, die alle privaten Unternehmen brauchen. Sie brauchen eine Garantie, dass die Frequenzen auch weiterhin verfügbar sein werden. Und sie brauchen ein Geschäftsmodell. Diese beiden Dinge hat RTL nicht positiv gesehen, und deshalb sind sie ausgestiegen.

Sat1, die Medienanstalten und das ZDF sind für die Fortführung der Terrestrik. Man beobachte aber eine hohe mobile Nutzung. Und zwar nicht nur im linearen sondern auch im nichtlinearen Bereich. In einer Untersuchung zeigte sich allerdings, dass die tatsächliche Nutzung von Smartphones dafür sehr gering ist. Allerdings hat sich die mobile Internetnutzung sehr stark entwickelt. 13% der Internetnutzer sind nicht mehr nur mobil unterwegs sondern nutzen auch den so genannten Second Screen. Es ergibt sich also durchaus auch ein neues Nutzungsverhalten.

Aufrechterhaltung der terrestrischen Fernsehübertragung

DVB-T sollte deshalb durch Umstieg auf DVB-T2 zukunftsfähig weiterentwickelt werden. DVB-T (und -T2) ist kostenfrei und technisch einfach. Es bietet stationären, portablen und mobilen Empfang.

Das ZDF ist der Auffassung, dass DVB-T in die neue Übertragungstechnik DVB-T2 migriert werden sollte. Die Attraktivität von DVB-T2 ließe sich dadurch steigern, dass entweder mehr Programme ausgestrahlt werden können oder die gleichen Programme in höherer Qualität. Die terrestrische Fernsehverbreitung sollte deshalb aufrechterhalten bleiben. Die Parameter von DVB-T2 wären eine maximale Übertragungsrate von 22 Mbit/s, HEVC-Videocodierung.

DVB-T2 ist in vielen Ländern bereits eingeführt worden. Wir könnten uns vorstellen – so Dr. Bereczky – dies in den nächsten vier bis fünf Jahren, also 2017/2018, zu organisieren. Die HEVC-Codierung böte sich als ein wichtiger technischer Parameter dafür an. Es sei nur eine kurze Simulcastnutzung unter Nutzung des 700-MHz-Bandes nötig. Und nach solch einem Umstieg, vielleicht um 2020/21, könnte man auch über die Frequenzverteilung neu nachdenken. Es ließen sich dadurch mehr Angebote und auch eine höhere Qualität zum Zuschauer bringen.

Allerdings muss auch dafür gesorgt werden, dass die zunehmende nichtlineare Nutzung des Fernsehens bedient wird. Ideal wäre, wenn wir auf den heute existierenden Smartphones DVB-T Broadcasting hätten. Aber da es ja keine europäischen Hersteller mehr gibt (Nokia wurde von Microsoft übernommen), wird man wohl in den USA und Asien nicht so unbedingt auf die europäische Stimme hören. Es ist aber eine Migrationslösung vorstellbar, bei der langfristig unabhängige konvergente Netze aufgebaut und mobile und Rundfunknetze so miteinander kombiniert werden, dass eine lineare Verteilung über Broadcasting-Technologie und eine nichtlineare Verbreitung über Mobilfunktechnologie in einem konvergenten Netz ab 2023 realisiert werden kann.

Fazit

Wir müssen mit allen relevanten Gruppen reden, um die unterschiedlichen Meinungen zu berücksichtigen und trotzdem zu einer einheitlichen Strategie zu kommen. Die künftige Nutzung erfordert die Verfügbarkeit von linearen und nichtlinearen TV-Inhalten, unabhängig von Zeit und Ort. Das terrestrische Fernsehen ist nach wie vor attraktiv, es sollte weiterentwickelt werden, und deshalb darf es nicht zu irreversiblen Entscheidungen kommen, solange man keine Alternativen hat.

Soweit Dr. Bereczky.

Ergänzungen

Zwei Anmerkungen noch dazu:

Eine Änderung der Nutzung der Frequenzen bedarf einer politischen Entscheidung. Nach den Statements von ARD und ZDF und auch der Medienanstalten ist aber anzunehmen, dass die grundsätzliche Nutzung für das DVB-T bzw. -T2 erhalten bleibt, was auch im Sinne einer Planungssicherheit sowohl für die öffentlich-rechtlichen als auch privaten Sender sehr wichtig ist.

Eine Umstellung von DVB-T auf DVB-T2 erfordert keine extremen Investitionen der Sender. Da mit dem neuen HEVC-Codec die Bandbreite für Standard-TV auf die Hälfte reduziert werden kann, lassen sich sogar längerfristig Übertragungskosten sparen (bei HDTV-Übertragung sind allerdings die gleichen Bandbreiten wie heute für SD-Betrieb erforderlich).

Es wird als ein Nachteil angesehen, dass für den Empfang von DVB-T2 neue Decoder im Fernsehgerät erforderlich werden. Man war in Fachkreisen deshalb manchmal der Meinung, dass es dem Bürger, der sich heute ein neues Fernsehgerät kauft oder gerade gekauft hat, nicht zuzumuten sei, „schon wieder“ auf ein neues System überzugehen. Die heute im Handel verkauften Fernsehgeräte werden im Regelfall aber nicht nur allein für Deutschland sondern für den europäischen Raum hergestellt.

Da in einigen europäischen Ländern, die später DVB eingeführt haben, bereits nach dem DVB-T2-Standard übertragen wird, haben unsere heutigen Fernsehgeräte oft bereits für T2 ausgelegte Decoder, ohne dass dies näher propagiert wird, weil DVB-T2-Decoder voll DVB-T-kompatibel sind. Sollten diese Decoder schon zukunftssicher auch für DVB-T2 in Deutschland sein, so sollte das schnellstmöglich an den Geräten gekennzeichnet werden.

Hat man „nur“ einen DVB-T-Decoder, so wird in der Tat ein neuer T2-Decoder nötig, also maximal ein (vermutlich sehr preiswerter) DVB-T2-Receiver, der vorgeschaltet wird. Es ist nicht nötig, gleich das ganze Fernsehgerät neu zu kaufen, wie das manchmal so dargestellt wird.

Der DVB-T2-Standard bietet in Verbindung mit dem in den nächsten Jahren ebenfalls in ausreichender Menge lieferbaren HEVC-Chips bei um etwa 50% verringertem Bandbreitenbedarf rein rechnerisch fast die doppelte Anzahl an DVB-T-Programmen oder – und das ist das, was man plant – gleichzeitig mehrere HDTV- und Standard-Programme im Mix unterzubringen.

Der DVB-T2-Standard ist nicht für das seit der Internationalen Funkausstellung ins Gespräch gebrachte Ultra HDTV-Verfahren vorgesehen. Wann überhaupt das UHD-Programm in Form eines Regelbetriebs zum Beispiel beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingeführt wird, ist noch vollkommen offen und wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in den nächsten Jahren der Fall sein. Eine terrestrische Verbreitung von UHD wird von niemandem propagiert.


Text und Foto: © Norbert Bolewski

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