Der Film stirbt, kann er als Speicher überleben? (1/8)

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Die Artikelserie beschreibt den dramatisch abnehmenden Einsatz des Filmmaterials als Aufnahme- und Verteilmedium. Seine inhärenten Fähigkeiten lassen ihn aber als modernes (!) Archivmedium ideal erscheinen, selbst als Speichermedium für digitale HDTV-Produktionen.
 
Der heutige Zeitgeist heißt aber Elektronik und Digitalisierung und führt dazu, dass der Film keine Lobby mehr hat. Eine realistischere Betrachtung wäre wünschenswert.

Die Agonie

Der Film stirbt, das war vorherzusehen. Aber nun geht es doch schneller, als man denkt. Kodak versucht, sich über die Insolvenz zu retten. Photofilme werden überhaupt nicht mehr neu hergestellt, nur die Kinefilmabteilung soll noch aufrecht erhalten bleiben. Durchaus verständlich, denn noch gibt es viele hervorragende analoge professionelle Filmkameras, noch ist Kinefilm gefragt, allerdings mit ganz klar dramatisch deutlichem Rückgang. Fuji, der einzige namhafte und qualitativ gleichwertige Filmhersteller, hat nun seine Kinefilmproduktion gänzlich eingestellt, wird aber noch weiter Photofilme herstellen. Fast könnte man meinen, die hätten sich in gemeinsamer Ansprache (natürlich nicht Absprache) den immer kleiner werdenden Kuchen geteilt, Fuji beim Photo-, Kodak beim Filmmaterial. Und schließlich die großen Filmkamerahersteller wie Arri, Panavision, Aaton: Auch sie werden keine neuen analogen Filmkameras mehr fertigen. Kopierwerke reduzieren ihr Angebot an Filmbearbeitung auf und mit Film. Noch analoge Aufnahmen werden gescannt, die Weiterbearbeitung (Postproduction) erfolgt auf digitaler Ebene, die Ausbelichtung über Filmrecorder auf Film wird noch einige Jahre aktuell bleiben. Zumindest so lange es noch „analoge Filmtheater“ gibt. Doch auch der Zeitraum könnte kürzer werden als man glaubt.

Deutschland hat in etwas vereinfachter Darstellung 4500 Kinos, davon sind aber etwa 1500 Kinos Saisonkinos, die kein durchgehendes Programm bieten. Von den rund 3000 festen deutschen Programmkinos sind schon rund 2000 „Digital Cinemas“, bei denen der Film nicht mehr auf Filmmaterial angeliefert wird sondern per Festplatte auf den Server abgelegt und von dort elektronisch abgespielt wird. Digital Cinema bedeutet ja nichts anders als elektronische Großbildprojektion. Die erstaunlich hohe Geschwindigkeit der Umwandlung vom Filmtheater zum „Digital Cinema“ hat neben den Zuschüssen für den Erwerb des Digitalprojektors ganz klar auch mit den von den amerikanischen Majors forcierten 3D-Filmen zu tun. Mit diesen Filmen haben sie heute wieder ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Fernsehen (zumindest als Massenmarkt). Wenn auch vielleicht nur ein paar Jahre, bis 3D auch stärker ins Fernsehen kommt, so ganz genau vermag das heute keiner vorherzusehen. Der im vorigen Jahr von Marketing-Spezialisten herbei geschriebene Hype hat sich doch ganz schön schnell verflüchtigt. Und die Beurteilungen vom vorigen Jahr brachten etwa so viel Marktkenntnisse wie wir vergleichbar von den Anlageberatern der Banken gewohnt sind.

Norbert Bolewski

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