Sicherung und Bewahrung des Nationalen Filmerbes (1/3)

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Es ist sehr erfreulich, dass das Thema der Sicherung unseres nationalen Filmerbes wieder etwas stärker in den Vordergrund gestellt wird. Dazu gehört beispielsweise der hervorragende Aufsatz von Professor Martin Hagemann in der Frankfurter Rundschau . In einigen Pressediensten wurde auch die Petition zum Schutz unseres Filmerbes veröffentlicht, die bisher weit mehr als 3600 Unterstützer gefunden hat. Darin heißt es: ...“wenn die Politik den fortschreitenden chemischen Zerfall unseres Filmbestandes weiter ignoriert, müssen wir in den kommenden Jahren mit dem Verlust der meisten Filme aus den letzten 100 Jahren rechnen“. Falls auch Sie die Petition unterschreiben wollen: http://filmerbe-in-gefahr.de/page.php?0,511 Die ferner von namhaften Wissenschaftlern und Filmschaffenden erstunterzeichnete Petition „Filmwesen – Erhalt des filmischen Kulturgutes (Petition 47385)“, wurde auch dem Deutschen Bundestag unterbreitet. Und in einem Text zum Thema für die New York Times Review of Books hat der US-Regisseur und passionierte Restaurierungsvorkämpfer Martin Scorsese erinnert, dass selbst „Alfred Hitchcocks „Vertigo“ und Orson Welles Film „Citizen Kane“ nicht unbeschadet überlebten. Und die gelten als Meisterwerke.


Ich habe über dieses aktuelle Thema sowie über die Aufgabe der Kinematheken und Archive in Deutschland mit Dr. Anna Bohn gesprochen. Auf dem Cinegraph-Kongress in Hamburg wurde  ihr Buch „Denkmal Film“ mit dem Willy-Haas-Preis ausgezeichnet.


Die Kinematheken

Was ist die Aufgabe einer Kinemathek und wie unterscheidet sie sich gegenüber einem Filmarchiv?

Die Kernaufgabe einer Kinemathek ist die Sicherung und Zugänglichmachung des Filmerbes.

Zugänglichmachung ja, aber ist die Sicherung nicht Aufgabe des Archivs?

Ich sehe das Archiv als Abteilung einer Kinemathek, z.B. verfügen Kinematheken  über Abteilungen wie Filmarchiv, Schriftgutarchiv oder Fotoarchiv.

Aber das ist bei uns nicht so?

Doch auch. Das ist so z.B. in der traditionsreichen Cinémathèque Française und auch in der Deutschen Kinemathek Berlin. In beiden Einrichtungen gibt es Archivabteilungen, beide besitzen reichhaltige Sammlungen an Filmen und nicht filmischen Materialien, darunter z.B. Schriftgut, Fotos oder Plakate. Zur Archivierung der diversen Materialien verfügen Kinematheken in der Regel über Abteilungen wie Filmarchiv, Schriftgutarchiv, Bibliothek bzw. Mediathek, Nachlassarchiv, Fotoarchiv und Depot der technischen Sammlungen.

Analog zu den Bezeichnungen Bibliothek als Sammlung von Büchern oder Mediathek als eine Sammlung von Medien wurde der Begriff Kinemathek zur Bezeichnung für Aufbewahrungsstatten für bewegte Bilder entwickelt. Während eine Bibliothek Bücher zugänglich macht, so verleiht eine Kinemathek Filme oder zeigt Filmprogramme im hauseigenen Kinosaal.

Aber das ist ja  leider in einer Kinemathek auch nicht so, zumindest nicht so, wie ich mir das vorstellen würde, mit dem Ausleihen. Während es beim Filmarchiv doch vorzugsweise um den substanziellen Erhalt der Filme geht.

Also da gibt es unterschiedliche Meinungen und Definitionen. Ein Standpunkt, den ich auch in meinem Buch Denkmal Film [s. linke Spalte] vertrete, ist, dass die Sicherung von Filmen auch immer bedeutet, dass ein Zugang zu den Filmen gewährleistet ist. Das ist auch eine gängige Definition von „Preservation“, dem angelsächsischen Pendant zu unserem Sicherungsbegriff. Wenn der Zugang zum Film nicht gewährleistet ist, dann kann man das Werk auch nicht als gesichert bezeichnen.

Wobei sich natürlich die Frage stellt, wer kommt ran? An das Original hoffentlich kommen nur ganz wenige Personen.

Die so genannten „Originale“ der filmischen Überlieferung sind häufig Kopien, z.B. die einzige von einem Film erhaltene zeitgenössische Kopie. Solche Archivkopien sind nicht zur Vorführung vorgesehen, um sie vor Abnutzung zu schützen. Daneben stellen Kinematheken im Rahmen der Restaurierung und Sicherung von Filmen in der Regel aber auch Benutzer- oder Verleihkopien für den Zugang her. Diese können entweder in den Räumen der Kinemathek gesichtet oder auch in einem der Kinemathek angeschlossenen Kino im Rahmen eines kuratierten Programms gezeigt werden.

Aber was ich immer vermisse ist, dass man als normaler Bürger nicht in eine Kinemathek gehen kann, um sich beispielsweise für einen Abend mit Gleichgesinnten bestimmte Filme leihen zu können oder eigene Filmabende mit - nehmen wir mal an - Filmen bekannter Regisseure oder bestimmter Kameramänner machen zu können.

Es gibt in der Regel die Möglichkeit, einen schriftlichen Benutzerantrag zu stellen, um in den Räumen einer Kinemathek oder einem Filmarchiv die Benutzerkopie eines Films am Schneidetisch oder auf DVD zu sichten. Doch es existieren darüber hinaus auch Einrichtungen, die eine Ausleihe von Filmen für das breite Publikum ermöglichen. So bietet z.B. die Zentral- und Landesbibliothek Berlin eine riesige Sammlung von Filmen aus aller Welt auf DVD, Blu-Ray und anderen Vervielfältigungsträgern. Die Sammlung firmiert unter dem Begriff „Cinemathek“ und wurde von Peter Delin aufgebaut.  Die Kinemathek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin bietet mittlerweile Zugang zu über 45.000 Filmen aus aller Welt, darunter auch zu vielen fremdsprachigen Filmen, und wenn Sie dort hingehen, können Sie jeden Film, den Sie im Regal vorfinden, sogar sofort zur kostenfreien Ausleihe mitnehmen, vorausgesetzt, sie verfügen über einen gültigen Benutzerausweis. Es handelt sich meines Wissens um die größte zur Benutzung frei zugängliche Filmsammlung in Deutschland. Das ist ein Beispiel für eine überaus benutzerfreundliche Kinemathek. Natürlich hat z.B. auch das Bundesarchiv-Filmarchiv eine große Anzahl von Filmen und zu vielen dieser Filme auch Benutzerkopien in seinem Bestand, aber man muss immer erst einen Benutzerantrag stellen und einen Termin zur Sichtung vereinbaren. Der Zugang zu den Filmen ist durch solche Hürden erheblich erschwert.

… Aber da bekomme ich bestimmt keine Filme meiner französischen „Lieblings-Regisseure“.

Sie meinen, weil das Bundesarchiv die ausländischen Filme nicht als seinen Sammlungsauftrag begreift?

Ja, was gleich die nächste Frage impliziert. Es ist natürlich klar, dass das Bundesfilmarchiv nicht auch noch alle ausländischen Filme sammeln kann. Aber hier in Deutschland gibt es ja fast nur synchronisierte Fassungen. Wie sieht es denn damit zum Beispiel in den Kinematheken aus? Im Übrigen steckt ja auch in der Synchronisation selbst eine eigene künstlerische Leistung.

Also aus meiner Sicht gehören die synchronisierten Filme ausländischer Produktionen ganz klar zum Filmerbe mit nationaler Bedeutung dazu. Aber ich vertrete eine sehr weite Auffassung des Begriffs Filmerbe. Meiner Überzeugung nach sollten neben den nationalen Produktionen und Ko-Produktionen auch synchronisierte Filme systematisch archiviert werden, da die Synchronisierung  eine eigenständige künstlerische Leistung darstellt und darüber hinaus oft auch mit bewussten Veränderungen der Dialoge oder des Kommentartextes einhergeht. Es gibt einige Beispiele dafür, dass die Filme in der synchronisierten Fassung gezielt verändert wurden, zum Beispiel, um bestimmte Inhalte zu eliminieren. Das sind auch historisch interessante Fassungen.

Bemerkenswert ist zum Beispiel auch, dass das 1934 gegründete Reichsfilmarchiv, das bis 1945 existierte, systematisch  ausländische Filme gesammelt hat. Es wurde auch ein Katalog speziell für die ausländischen Filme erstellt. Die deutschen Filme und die nach der Übergangszeit zum Tonfilm üblichen Mehrsprachenversionen der deutschen Filme wurden ebenfalls gesammelt. Auch das 1955 eingerichtete Staatliche Filmarchiv der DDR, dessen Bestände 1990 in das Bundesarchiv eingegliedert wurden, sammelte die von der DEFA synchronisierten Fassungen ausländischer Filme und bestimmte sie als archivwürdig. Alles, was Zuschauer in Deutschland in den Kinos sehen, ist Teil der Kinogeschichte. Also in der weit gefassten Definition ist das nationale Filmerbe als dasjenige Erbe bestimmt, das in Deutschland verbreitet und vor Zuschauern in Deutschland präsentiert wird und eine Wirkung entfaltet. Darüber hinaus sind auch Filme ausländischer Produktion, die sich auf Deutschland und die deutsche Geschichte beziehen, archivwürdig. Auch ausländische Produktionen können für das nationale Filmerbe wichtig sein, darunter z.B. Werke von Filmschaffenden, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zwangsweise emigrierten. Die Deutsche Kinemathek bildete z.B. einen Sammlungsschwerpunkt zum Filmexil.

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