Sicherung und Bewahrung des Nationalen Filmerbes (2/3)

Seite ausdrucken und/oder als E-Mail versenden
Beiträge von FKTG-Mitgliedern - Für die Inhalte sind die Autoren verantwortlich

Sehgewohnheiten und das Problem Archivierung

Kommen wir mal zu was ganz anderem. Mit Sicherheit haben sich die Sehgewohnheiten der Menschen seit der Zeit, in denen es Filme gibt, gewandelt. Die Sehgewohnheiten wurden natürlich auch durch die Filmtechnik beeinflusst oder bestimmt. Letztendlich spielt da auch die Medienbildung bzw. die Medienkompetenz mit rein.

Ganz wesentlich hat meiner Ansicht nach die hohe Verfügbarkeit der Filme die Sehgewohnheiten verändert. Die Filmbilder umgeben uns. Man kann Filme praktisch überall sehen. Sie sind im Netz. Sie können auf mobilen Geräten angeschaut werden. Früher waren sie nur im Kino zu sehen. Dann wurden Filme auch im Fernsehen gesendet. Später waren Videokassetten und andere Vervielfältigungsträger wie DVD oder Blu-Ray erhältlich. Und heute können Filme über das Internet per Video Streaming oder Video on Demand gesehen werden. Wir sind damit konfrontiert, dass Filme in analoger und in wachsendem Maße auch in digitaler Form in sehr vielen verschiedenen Formaten verfügbar und quasi jederzeit abrufbar sind.

Durch die neuen Wege des Zugangs zu Filmen hat sich auch die Medienkompetenz verändert. Sie setzt heute schon sehr früh ein. Kinder lernen spielerisch, mit bewegten Bildern umzugehen, und selbst jüngere Kinder sind in der Lage, mittels Digitalkameras kleine Filmchen zu machen. Früher war das Daumenkino vielleicht ein gutes Mittel, um die Funktionsweise von Filmen erfahrbar zu machen, heute eröffnet die digitale Technik den Nutzern sehr viel weitergehende kreative Möglichkeiten, um selbst Filme zu machen. Kinder beginnen darüber hinaus häufig sehr früh mit Videospielen, teilweise stellen die Spieler  die kommentierten Video-Clips ihrer eigenen Computerspiele wie „Minecraft“ unter dem Stichwort „Let’s play“ ins Netz, so entsteht eine neue Gattung von Amateurfilmen. Manche dieser Clips erreichen Millionen von Clicks und werden von sehr vielen Menschen im Internet gesehen. Filme sind über YouTube oder über andere Plattformen zugänglich. Die Veränderungen der Medienkompetenz zeigen sich auch in der wachsenden Bedeutung der Interaktion mit den Nutzern. Die Benutzer können z.B. Filme kommentieren, sie mit Informationen taggen oder über soziale Netzwerke ihren Freunden empfehlen. Durch die verbesserte Verfügbarkeit der Filme ist die Möglichkeit gegeben, einen Film mehrmals anzusehen. Einer der radikalsten Brüche mit den früheren Sehgewohnheiten ist vielleicht die Möglichkeit, die Sichtung des Films jederzeit zu unterbrechen und Szenen vor- und rückspielen zu können. Es können auch ausschließlich Teile von Filmen gesichtet werden, das hat ein viel stärker fragmentiertes Sehen zur Folge. Andererseits ermöglicht das wiederholte Sichten von Filmen auch eine viel bessere Kenntnis und Analyse der Filme, es fördert auch die Kennerschaft und Cinéphilie in der breiten Bevölkerung. Es ist sicher ein  intensiveres Erlebnis, einen Film in einem Kino auf der großen Leinwand und im Kollektiv zu sehen. Es macht daher sicher einen Unterschied, ob man einen Film im ausverkauften Kino oder allein zuhause sieht, auf einer großen Leinwand oder vor einem kleinen Bildschirm. Das Kinoerlebnis selbst kann allerdings mit den Mitteln moderner Technologie auch zu Hause simuliert werden, z.B. durch Projektion eines Films in hoch auflösendem Format mit Beamer.

Hinzu kommt das Web, das heute auch für Kinder und Jugendliche Zugang zu einer extremen Zahl an Filmchen bietet, eine fast inflationär zu nennende Entwicklung und vielleicht nicht immer von Vorteil.

Ja, die Verfügbarkeit von Filmen im Netz spielt für die sich ändernden Sehgewohnheiten eine wichtige Rolle. Daher ist es wichtig, dass Kinematheken und öffentlichen Filmerbe-Einrichtungen eine deutliche Netzpräsenz zeigen. Eine der Anforderungen der heutigen Zeit ist, die Bestandskataloge online zu stellen und gegebenenfalls auch Digitalisate selbst online verfügbar zu machen, damit man abrufen kann, was in der jeweiligen Kinemathek vorhanden ist. Neben den Ausstellungen in den Räumlichkeiten der Kinemathek steigt auch die Bedeutung des virtuellen Ausstellungsraums im Internet. Über das Internet  kann man ein sehr großes Publikum erreichen. Die Kinematheken müssen neue Bereiche erschließen und die neuen Wege des Online-Zugangs zu Filmen sowie die Nutzung der neuen Medien für die Filmvermittlung als große Chance begreifen, auch neue Nutzergruppen für die Kinematheken zu gewinnen.

Bestehen vielleicht in der Beurteilung der technischen Archivierung Unterschiede in den Ansichten zwischen Kinemathek und Archiv? Viele Archive sind sehr puristisch, d.h., sie wollen nicht nur den Inhalt der Filme archivieren, sondern möglichst auch mit originalen oder den Originalen nahe kommenden Verfahren, beispielsweise Einfärbungen und Viragen. Es gibt auch Archivare, die sogar die Filmperforation bei der digitalen Kopierung mit aufzeichnen wollen.

Grundsätzlich ist es für die Filmgeschichte von zentraler Bedeutung, die originalen filmischen Überlieferungsträger zu archivieren und auch das Wissen um die Restaurierung und Vorführung analoger und digitaler Filmmaterialien langfristig zu bewahren. Die zeitgenössischen Filmkopien bieten eine Vielzahl von Informationen, die gesichert werden müssen. Z.B. können die Randkennzeichnungen von Filmmaterialien Informationen enthalten zum Herstellungsjahr. Solche Informationen  sind nicht nur für die Datierung des Filmmaterials wichtig, sondern können auch wichtige Hinweise für die Restaurierung oder Rekonstruktion geben. Beispielsweise konnten die Filmarchivare des französischen Nationalarchivs CNC-AFF anhand der Beschaffenheit der überlieferten Filmmaterialien die originalen Filme der Brüder Lumière identifizieren und einen Gesamtkatalog der Filme erstellen. Die Charakteristik dieser Filme ist die runde Perforation im unteren Drittel des Bildes; sie belegt, dass die Aufnahmen mit einer Lumiere-Kamera gedreht wurden. Nur Lumiere-Kameras benutzten diese Art der Perforation. 2005 wurden die Filme in das Verzeichnis des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufgenommen. Die originalen Filmmaterialien sind Primärquellen der Filmgeschichte und daher unbedingt archivwürdig. Diese Quellen geben u.a. Aufschluss über die zeitgenössische Aufnahme- und Produktionstechnik. Es ist also überaus wichtig, die Ausgangsmaterialien der analogen Filmproduktion solange wie möglich zu erhalten. Natürlich müssen die Filme zusätzlich dupliziert und auf ein anderes Material umkopiert werden, von dem wir wissen, dass es sehr lange haltbar ist, zum Beispiel Polyesterfilm, dem man eine Lebenserwartung von mehreren Hundert Jahren bescheinigt.

Bei der elektronischen Bearbeitung kann man natürlich auch Schwächen eines alten Films kompensieren, die aber im Original vorhanden waren. Ist denn zum Beispiel ein elektronisch nachträglich korrigierter guter Bildstand noch als Kopie für einen Archivar akzeptabel? Andererseits möchte man sich doch heute den Film in einer Qualität anschauen, die so weit wie möglich der heute üblichen Qualität nahe kommt.

Da sind wir mitten in der Frage der Ethik der Filmarchivierung und der Filmrestaurierung. Was ist authentisch und wie kann man die Authentizität wahren? Man unterscheidet da in der Theorie der Restaurierung zwischen den originären Filmfehlern, die Teil der Filmproduktion waren oder sogar typisch sind für diese Zeit oder Produktionsweise. So gibt es Einstellungen in manchen älteren Filmen, bei denen man beispielsweise die Fäden erkennen kann, an denen Trickmodelle wie Flugzeuge aufgehängt waren. Solche Bildinhalte sollte man nicht elektronisch heraus retuschieren, eben weil sie spezifisch sind für die zeitgenössische Produktionsweise. Für die Restaurierung bedeutet es, dass man Inhalte, die Bestandteil des ursprünglichen Werks waren, nicht entfernen sollte. Beim Bildstand beispielsweise müsste man untersuchen, was ist an Schäden z.B. durch die Schrumpfung des Materials später entstanden? Wie war seinerzeit der Bildstand der ursprünglichen Produktions- und Vorführtechnik? Die durch fehlerhafte Umkopierung oder Zersetzung nachträglich entstandenen Schäden und unerwünschten Artefakte wird man natürlich entfernen, wenn das mittels der digitalen Technologie möglich ist. Aber eine darüber hinaus gehende Verbesserung oder Korrektur eines Bildstands bis hin zur völligen Beruhigung oder gar Starre des Bildes, also eine bewusste Veränderung der authentischen Anmutung bzw. des originalen „looks“ des Films wäre aus Sicht der Ethik der Filmrestaurierung nicht korrekt. Ich weiß allerdings, dass es heute durchaus verbreitet ist, Bild und Ton stärker zu korrigieren, als dies ethisch vielleicht angemessen wäre. Das sind dann etwa von den Fernsehanstalten oder von den Produzenten gewünschte Verbesserungen, um den heutigen Zuschauern eine marktübliche technische Qualität zu bieten. Dahinter stehen natürlich häufig finanzielle Interessen, z.B. der Wunsch, die kommerzielle Verwertbarkeit der Filme zu verbessern. Aber selbst wenn solche Kompromisse für die kommerzielle Verwertung von Filmen auf Vervielfältigungsträgern oder die Re-Edition von Filmen auf hoch auflösendem Format eingegangen werden, so müssen die Filmarchivare dennoch darauf achten, das Filmwerk unverfälscht für die Zukunft zu bewahren. Das bedeutet, dass die originalen Ausgangsmaterialien der Filme stets unverfälscht gesichert und langfristig archiviert werden und die Maßnahmen der Restaurierung sorgfältig dokumentiert werden müssen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Filme im Laufe der Zeit durch wiederholte Bearbeitung stark verfälscht werden, an Authentizität und Integrität verlieren. Es gibt hier durchaus Parallelen z.B. zur klassischen Musik und der Frage der historischen Aufführungspraxis. Aufgrund des medientechnologischen Wandels sind einige Entwicklungen und Veränderungen aber wohl unumkehrbar. So ist ein Wechsel vom analogen zum digitalen Format zwangsweise mit einer Veränderung der Anmutung verbunden. Daher kann der authentische  „look“ des Films nur bedingt rekonstruiert werden, aber aus filmhistorischer Sicht ist es daher eine wichtige Aufgabe der Kinematheken, die Unterschiede zu reflektieren und dem Publikum zu vermitteln.

Die Kinematheken, gerade auch unsere Kinemathek in Berlin, sammelt ja auch Geräte und Materialien, die im Zusammenhang mit den jeweiligen Filmen stehen. Gehört auch das aus Ihrer Sicht zu den Aufgaben einer Kinemathek oder anders gefragt, wo wollen wir damit anfangen oder aufhören?

Also grundsätzlich gehört zum Filmerbe nicht nur der Film selbst, sondern auch die Materialien der Entstehung und Aufführung des Werks. Man nennt sie auch nichtfilmische oder außerfilmische Materialien. Sie ermöglichen, den Schöpfungsprozess, die Genese eines Werks nachzuvollziehen. Dazu zählen beispielsweise auch Vorstufen des Werks, wie z.B. das Exposé oder das Drehbuch oder die Korrespondenz aus dem Umfeld des Films, aber auch z.B. Fotos, Skizzen der Bauten usw. Auch die Kinotechnik zählt zum Filmerbe, denn Filmgeschichte ist auch Technikgeschichte. Z.B. präsentiert die Website Filmtechnik in Museen, die als Kameradatenbank begonnen wurde, Filmtechnik aus verschiedenen Archiven und Museen, darunter auch aus der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen Berlin.

All diese Materialien erzählen von der Geschichte des Films, z.B. von der Geschichte seiner Produktion, sie können daher auch für die Rekonstruktion eines Films wichtig sein.

Neben den Materialien aus dem unmittelbaren Produktionskontext eines Films besitzen wir Materialien zur Aufführungs- und Wirkungsgeschichte von Filmen. Dazu gehören beispielsweise Aushangfotos, Plakate, Programmhefte, Kritiken. Viele Filme erfahren nach ihrer Uraufführung auch weitere Editionen und Bearbeitungen, sie gehen ganz oder teilweise verloren oder werden zensiert, später rekonstruiert, restauriert, wieder aufgeführt und re-ediert. So entstehen weitere Materialien, die von der Überlieferung des Werks erzählen.  Aus diesen Dokumenten kann man später auch Rückschlüsse darüber ziehen, wie etwa die Fassung des Films damals ausgesehen oder welche Diskussionen ein Film hervorgerufen hat. Denken Sie beispielsweise an die Praxis der Previews von Filmen, also an die Voraufführungsfassungen der Filme, die den Zuschauern vor dem eigentlichen Verleihstart gezeigt wurden mit der Einladung, Kommentare abzugeben. Aufgrund der Publikumsreaktionen wurde der Film dann womöglich umgeschnitten oder gekürzt. Es ist daher wichtig, die Dokumente zu bewahren, die hierüber Auskunft geben.

Eine Kinemathek, die Ausstellungsräume besitzt, ist naturgemäß auch daran interessiert, Objekte zu sammeln, die eine bestimmte Aussage über den Film und die Filmgeschichte vermitteln können. Interessant sind auch Materialien, die für das Publikum einen gewissen Schauwert haben, wie beispielsweise die Koffer der Marlene Dietrich oder Kostüme, die sie in den Filmen getragen hat.

Ufert das nicht etwas aus?

Sicher gibt es da Grenzen, wenn beispielsweise die Dekorationen, die einer Sammlung angeboten werden, einen großen Teil der vorhandenen Lagerstätten ausfüllen würden. In solchen Situation müssen die Kuratoren und Archivare das pragmatisch entscheiden. Sie orientieren sich bei ihren Entscheidungen an Prinzipien der archivischen Bewertung, an bestimmten Sammlungskonzepten, aber auch an vorhandenen Lagerkapazitäten.

Bei der Entscheidung über die Aufnahme eines Objekts in eine Sammlung wird der entsprechende Sammlungsauftrag berücksichtigt. So legt beispielsweise das Filmmuseum Potsdam einen Sammlungsschwerpunkt auf die Filmtechnik und bietet über ein Schaudepot Zugang zu einer der größten filmtechnischen Sammlungen in Deutschland.

Wird bei einigen Exponaten nicht auch ein gewisser Starkult getrieben?

Filmgeschichte ist auch eine Geschichte der Stars und des Rummels um die Stars. Daher gibt es wohl auch ein Bedürfnis bei Museumsbesuchern, Gegenstände aus dem persönlichen Besitz z.B. eines Filmstars in einer Ausstellung zu sehen. Ausstellungen leben auch von der Attraktivität und dem Schauwert der gezeigten Objekte. Filmgeschichte war immer auch eine Geschichte des Starkults, somit ist es auch ein selbstverständlicher Teil der Sammlungsgeschichte. Anschaulichkeit von Objekten ist für Museen generell wichtig.

Im Übrigen finden die Exponate manchmal auch wieder Eingang in Filme über Filme. Wenn man zum Beispiel die Produktionsgeschichte eines Films veranschaulichen möchte, dann werden sehr häufig Werkfotos, Drehbuch oder andere Objekte herangezogen.

Weiter zum 3. Teil des Interviews >>

 

Weitere Beiträge von FKTG-Mitgliedern