UHD-0.5 kommt

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Autor: Norbert Bolewski


Liest man die internationale Fachpresse, so finden sich immer mehr kritische oder skeptische Kommentare zu U-HDTV. Es gibt sogar Stimmen, die meinen, man solle doch gleich abwarten und auf UHD-2 hin stärker entwickeln. Denn das ergäbe dann eine deutliche Steigerung gegenüber dem HDTV, wie wir es heute kennen. Das denken natürlich nicht die Fernsehgerätehersteller bzw. Displayhersteller, die sich mit 4k einen neuen Verkaufserfolg erhoffen. Tatsächlich kristallisiert sich aber immer stärker heraus, dass das, was in den nächsten zwei bis drei Jahren kommen wird, also in der Phase 1 von UHD-1, ein "Arme-Leute U-HDTV" (allerdings der upper class, sag ich mal) sein wird, wie es zum Beispiel Yvonne Thomas von der EBU meint. Andere sprechen statt von UHD-1 von UHD-0.5 und meinen das gleiche.

Man weiß inzwischen, dass erst in einer späteren Phase (der Phase 2) alle Vorteile des neuen UHD-1-Standards geboten werden können, um sich dann von HDTV klar qualitätsmäßig unterscheiden zu können. Dazu zählen insbesondere eine höhere Bildwechselfrequenz (HFR), ein höherer Dynamikumfang (z.B. mit HDR) und ein erweiterter Farbraum. Einige scheinen manchmal wohl auch zu vergessen, dass die im Standard inhärente Qualität nur beim Fernsehzuschauer ankommt, wenn sie auch über die gesamte Kette vom Studio bis zum Fernsehzuschauer übertragen werden kann, die Amerikaner sagen dazu "from glass to glass". Zu einigen dieser Parameter sind noch weitere Qualitätstests im Detail nötig, zum Beispiel auch, wieviel Kompression im Edit-Mode vertretbar ist. Bis diese gesamte Übertragungskette hochwertig verfügbar sein wird bedarf es ziemlich wahrscheinlich noch großer Anstrengungen bis (zur Olympiade) 2020. Dabei gibt es durchaus manch ermutigende Versuche. Andrea Gabriellini von der  BBC berichtet zum Beispiel in der letzten Ausgabe der TECH-I Nr. 19 der EBU über Versuche mit der Bitratenreduzierung bei 60 und 120 Hz Bildwechselfrequenz und kommt zu dem Ergebnis, dass die Bitratendifferenz für die meisten Sportarten sehr viel geringer ist (nur einige Prozent) als eigentlich zu vermuten wäre.

Alle diese Betrachtungen gehen von HEVC-Codierung (also H.265) aus. Die im nächsten Jahr kommenden Decoder werden aber weiterhin nur 4:2:0 und nur 30 oder gar 24 fps bieten, so zumindest sieht die Roadmap dafür aus, die gerade kürzlich vorgestellt wurde. Und Decoder für den vollen Leistungsumfang von UHD-1 werden nicht vor 2017/18 verfügbar sein, in größeren Stückzahlen wahrscheinlich sogar erst später (zur Olympiade 2020). Was das Live-Encoding an der Quelle mit HEVC anbelangt, so ist das selbst für eine abgespeckte Version UHD-1 (also UHD-0.5) bis heute noch nicht realisiert und niemand will sich an Spekulationen beteiligen, wann das gar für den vollen UHD-1-Standard erreicht sein wird.

Alles in allem wird es also nicht so schnell gehen können. Wirklich technisch dieser Entwicklung voraus sind eigentlich nur (erfreulicherweise) die Displays. 4k-Displays sind für viele Non-Broadcast-Anwendungen sicher sinnvoll. Signage zum Beispiel, in der Medizin (sogar verbessertes Stereo mit 2x2k mit Brille), als Monitor im Graphikbereich, bei Überwachungen (Closed Circuit), bei allen vektoriell erzeugten Vorlagen  und anderem. Bei 4k Tablets und 4k Smartphones (erste Modelle gibt es bereits) bin ich nicht so ganz sicher, ob es überhaupt sinnvoll ist, denn auch hier werden die Modelle nicht mehr als "UHD-0.5" bieten können. Es gibt vernünftige Einsätze für 4k, aber für längere Zeit wohl nicht im Broadastbereich. Inwieweit neu zu bauende Studios heute versuchen müssen, die UHD-1-Ansprüche in der Produktion erfüllen zu können, ist, wie alles übrigens, eine Preisfrage. Mehr Geld für die Programmherstellung ausgeben zu müssen, um kein (!) sichtbar besseres Ergebnis zu erreichen, wird wohl gerade beim privaten Rundfunk bei den Geldgebern entgegen den heute noch vollmundigen Ankündigungen keine große Bereitschaft erwarten lassen.

Und der Fernsehzuschauer? Die meisten haben sich einen Flachfernseher gekauft, weil das natürlich viel schöner als ein klobiger Röhrenempfänger im Wohnzimmer aussieht. Der flache Bildschirm war das überwiegende Kaufargument. Dabei ist er meist eine deutliche Nummer größer geworden. Der Bürger freut sich zu Recht die nächsten Jahre erst einmal an seinem "Flachen" und wird kaum bereit sein, auf ein noch größeres 4k Modell umzusteigen. HDTV war und 4k ist kein spannendes Thema für "Otto Normalverbraucher". Wenn es eines werden soll, dann müssen sich die Marketingleute noch viel einfallen lassen. Gerade las ich (http://goo.gl/0AB6xE) die (im Original englische) Überschrift "55% in Europa würden U-HDTV kaufen". Verblüffend? Wissen Sie wie die Frage lautete: Wenn es für Sie preislich akzeptable U-HDTV-Fernseher gäbe und wenn sie qualitativ ihren erwarteten Anforderungen entsprächen, würden sie dann in den nächsten zwei Jahren einen solchen kaufen. Antwort: 15 % sehr wahrscheinlich, 41 % wahrscheinlich. Wahrscheinlich scheint mir nur, dass man sich in der Branche mit solchen Analysen selber Mut machen will. Aber man weiß ja nie, Placebos sollen ja auch sehr wirksam sein – allerdings nur, wenn man es nicht weiß.


Norbert Bolewski

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