Erinnerungen an Günter Bevier, den Menschen und Entwickler der berühmten Steenbeck-Schneidetische

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Beiträge von FKTG-Mitgliedern

Im Jahre 2000 erhielt Günter Bevier die Oskar-Messter-Medaille der FKTG für seine Verdienste um die Kinotechnik, insbesondere für die Entwicklung von Schneidetischen. Schon damals war er den jüngeren Mitgliedern nicht mehr sehr bekannt, denn die „Glanzzeit“ der Filmschneidetische war vorbei und Bevier damals 77 Jahre. Heute werden die meisten der jungen Leute gar nicht mehr wissen, was ein Schneidetisch ist oder war und sich erst recht nicht an den Namen erinnern können. Ich kannte ihn damals beruflich schon 20 Jahre und durfte auch die Laudautio schreiben und während des Festaktes vortragen. Vorher besuchte ich ihn und verlebte in seinem Haus in Hamburg zusammen mit seiner Frau Lisa einen herrlichen Tag, voll mit Informationen und vielen, vielen Geschichten. Ich habe ihn danach noch zwei Mal besucht, dann starb seine Frau und er teilte mir ein oder zwei Jahre später mit, dass er ins Heim gehe. Er wollte mir schreiben, wo. Aber daraus wurde wohl nichts und der Kontakt verblasste im Alltag. Nun erfuhr ich, dass ihn der Testamentsvollstrecker bei der FKTG „abgemeldet“ hat, gestorben bereits am 20. Februar 2014, also vor über einem Jahr - im 91. Lebensjahr. Das sei Anlass, noch einmal an ihn zu denken. Wer ihn kannte wird sich sicher gern an ihn erinnern und diejenigen, denen der Name nichts sagt, seien an ein ungewöhnliches Leben eines begnadeten „Mechanikers und Ingenieurs“ erinnert. Der Text besteht aus Auszügen meiner damaligen Laudatio für Günter Bevier anlässlich der Verleihung der Oskar-Messter-Medaille am 22. Mai 2000, und würdigt damit gleichzeitig ausführlich Leben und Werk des Verstorbenen.

N. Bolewski

Der junge Bevier

Günter Bevier wurde am 25. März 1923 geboren, und zwar in Berlin-Lichterfelde. Genau genommen ist er direkter Nachfahre hugenottischer Asylanten unter Friedrich I mit Daueraufenthalt in Berlin-Brandenburg. Er hat eine glückliche Kindheit gehabt, wahrscheinlich weil seine Leistungen in der Volksschule nicht gerade überwältigend waren. Die Fliegerei war nämlich seine große Sehnsucht. Übrigens hat er bis heute einen Pilotenschein und gerade vor kurzem wieder seine nötigen Pflichtstunden absolviert. Aber damals sagte sein Vater das, was die meisten Väter dieser Welt sagen, der Junge soll erst mal was Anständiges lernen. Und so brachte er ihn in die Lehre als Dreher – bei den Brandenburgischen Flugzeugmotorenwerken in Berlin-Spandau. Noch heute schwärmt er von der hervorragenden Ausbildung bei Siemens – zu der die Firma gehörte. Und plötzlich entwickelte sich ganz von selbst ein großes Interesse an vielen Dingen der Technik, die er begierig in sich aufnahm.

Zwischendurch machte er mal eben den Segelfliegerschein. 1941 wurde er gemustert, kam zwar nicht als Pilot aber zur Luftwaffe. Er lernte unfreiwillig andere Länder kennen, und fand sich nach zum Glück kurzer Gefangenschaft in Russland Ende 1945 wieder in Berlin ein. 45 kg Lebendgewicht, aber eben lebend, das war wichtig.

Nach dem Krieg

1946 suchte eine neue Firma, die FABAG-Filmapparate-Bau, einen Mechaniker und da er in der Zwischenzeit nicht nur als Dreher sondern in den verschiedensten Metallberufen gearbeitet hatte, bewarb er sich einfach mal – und wurde ganz unerwartet eingestellt. Einer der drei Firmeninhaber hieß Gaede und war ehemaliger Filmcutter. Sein Traum war es, einen alle Wünsche erfüllenden Schneidetisch zu entwickeln, nur war er selbst überhaupt kein Techniker. Und Günter Bevier hatte keine Ahnung vom Film. Mit anderen Worten, es waren die besten Voraussetzungen für kreative Entwicklungen gegeben.

Trotz aller Schwierigkeiten entstanden schon kurze Zeit später die Umrisse eines Schneidetisches. Hier holte sich der junge Bevier seine Erfahrungen als Konstrukteur durch heute würde man sagen, learning by doing. Schade, dass der Umfang der Laudatio nicht reicht, die vielen und heute lustig erscheinenden Episoden zu schildern, die er im Nachkriegsberlin erlebte. Die Jugoslawen, die die Herstellung des ersten funktionierenden Schneidetisches finanzierten aber über Nacht durch die Währungsreform überrascht mit ihren Koffern voller Reichsmark wieder abfahren mussten. Oder über die DEFA, die ja im sowjetisch besetzten Teil lag, die letztlich diesen ersten Schneidetisch in Ostmark erwarb, der dann in Einzelteilen zerlegt an den sagen wir mal russischen Freunden vorbei geschmuggelt wurde. Berlin war — sarkastisch gesprochen — recht international in der Zeit. Und so wurde die Britische Filmsektion auf die Firma aufmerksam und kaufte gleich zwei Filmschneidetische für den Aufbau ihrer Studios in Hamburg. Wie aber dahin kommen? Es war die Zeit der Blockade in Berlin. Die Lösung war einfach, man setzte Günter Bevier in einen leer zurückfliegenden „Rosinenbomber“. Allerdings lieferten die Engländer während der Blockadezeit überwiegend Kohlen statt Rosinen und so kam es, dass Günter Bevier legal aber trotzdem schwarz in Hamburg landete. Dort im Hochbunker auf dem Heiliggeistfeld, der späteren NWDR-Geburtsstätte wurde dann weiter gewohnt, entwickelt und gefertigt aber auch outgesourced würde man heute sagen, und zwar in eine kleine mechanische Werkstätte, die ein Mechaniker namens Steenbeck betrieb. Manche ahnen jetzt schon was.

Der Mann für vieles

Aber ganz so schnell ging es dann doch nicht. Dazwischen lag nämlich noch eine Episode als Tontechniker in einem Hamburger Synchronstudio, wo er sich hin beworben hatte, um mehr über die Praxis des Films und des Filmens zu lernen. Das tat er denn auch, und sein wacher Verstand sah sofort technische Schwachpunkte. So dauerte es dann auch gar nicht lange, bis er kleine nützliche Konstruktionen machte, zum Beispiel zur Reduzierung des Knackgeräusches an Lichtton-Klebestellen. Und die ließ er, da er ja keine eigene Werkstätte mehr hatte, bei der kleinen Firma Steenbeck ausführen. Aber so richtig ausgelastet fühlte er sich wohl nicht, und so belegte er nebenbei noch ein Ingenieurstudium der Elektrotechnik, anfangs von 18 bis 22 Uhr an der Abendschule in Hamburg natürlich.

Hartnäckig war dieser Günter Bevier, wenn er etwas erreichen wollte. 1950 lernte er eine gewisse Lisa kennen. Zwei Jahre dauerte es, bis er die Verlobung erreicht hatte. Aber auch dann blieb sie scheinbar skeptisch und er musste noch mal zwei Jahre warten, bis 1954 aus Lisa Schultz endlich Lisa Bevier wurde. Aber vier Jahre Wartezeit für eine jetzt schon 46 Jahre dauernde Ehe, ich glaube das ist eine akzeptable Bilanz. Sie war Schneiderin und er entwickelte Schneidetische, zumindest sprachlich passte das auch gut zusammen.

Der Entwickler von Schneidetischen

Ja, er entwickelte nämlich wieder Schneidetische. Denn schon 1952 wurde er — nebenberuflich — Konstrukteur bei Steenbeck, der in der Zwischenzeit nicht nur die Fertigung von Baugruppen für die alte Firma von G. Bevier tätigte, sondern sich entschlossen hatte, selbst in das Geschäft einzusteigen. Der Tagesplan: Am Tage Arbeit im Synchronstudio, abends Ingenieurstudium, anschließend Konstruktionsarbeiten für Steenbeck und an den Wochenenden Hausaufgaben für das Studium. Und da im zerbombten Hamburg keine Wohnung für das junge Paar zu finden war, wurde in Eigenleistung auch noch ein kleines Häuschen auf einem Pachtgrundstück gebaut. Als ich sie vor einigen Wochen dort besuchte (übrigens immer noch das gleiche durch Anbauten nun nicht mehr so ganz als Häuschen zu bezeichnende Haus) und fragte, wie sie denn diesen Stress ertragen haben, schauten sie mich beide ganz verwundert an. Stress, das gab´s doch damals noch gar nicht. Ach wie dumm von mir, dachte ich, natürlich, wenn’s noch gar keinen Stress gab, konnte man ihn auch nicht haben. So einfach lassen sich Probleme lösen.

Ingenieur ohne (mittlere) Reife

1958 war es so weit, nach zehn regulären Semestern, einem Vorsemester und drei Tagen Abschlussprüfung hatte er sein Diplom als Ingenieur. Ohne mittlere Reife, ohne Abitur, aber bestimmt nicht ohne Leistung. Wie gesagt, schon fünf Jahre vorher begann er nebenberuflich bei Steenbeck mit der Konstruktion eines 16-mm-Tisches, eine Neukonstruktion in jeder Hinsicht, denn es war das Fernsehen, das sich zu damaliger Zeit auf diesen Film „einschoss“. Nach der erfolgreichen nebenberuflichen Konstruktion wurde er dann richtig angestellt und gab seine Arbeit bei der Synchronfirma auf. Nach der Entwicklung dieses ersten Schneidetisches ST 200 folgte kurze Zeit später der ST 100, ein 4-Teller-Schneidetisch für 35-mm-Film mit Lichtton und ganz neu auch perforiertem 17,5- und 35-mm-Magnetfilm. Die Entwicklung einer Montageplatte für 16-mm-Bildfilm und 17,5-mm-Magnetfilm war weltweit das erste Gerät, mit dem zwei Formate synchron bearbeitet werden konnten. Kobiton war die Neukonstruktion eines kombinierten Bild- und Tonschneidetisches. Die Zahl der Kunden stieg, und schon 1954 war die Werkstatt voll mit der Fertigung von Schneidetischen ausgelastet. Es dauerte nicht mehr lange, als auch erste Aufträge aus dem europäischen Ausland kamen.

Steenbeck wurde zum Synonym für Schneidetische

Der Name Steenbeck wurde in Europa zum Synonym für Filmschneidetische schlechthin. Kein Cutter, der nicht an einem Steenbeck arbeiten wollte. Gegen Ende dieser Entwicklung schätzt man, dass über 90% aller europäischen Schneidetische aus dem Hause Steenbeck stammten. Was war an diesen Schneidetischen dran, was andere nicht hatten. Es gab Konkurrenzprodukte, aber immer weniger. Dabei spielten nicht etwa besonders niedrige Preise eine Rolle oder umgekehrt, selbst wenn die Konkurrenz über den Preis gewinnen wollte, es klappte selten. Lassen wir es Günter Bevier sagen. „Ich hatte mich nie bemüht, besonders billige Geräte zu entwickeln. Eine präzise, stabile Ausführung hat eben ihren Preis. Dafür bekommt der Anwender Wartungsfreiheit, Zuverlässigkeit und lange Lebensdauer.“ Und das war keine Werbeaussage. Die Schneidetische laufen heute noch, sehr zum Leidwesen mancher. Und wenn die Konkurrenz splirrige kleine Achsen einbaute, bei Bevier waren sie robust, da konnte man auch mal mit der Filmdose gegenschlagen im Eifer der Arbeit, ohne dass die Präzision gemindert wurde. Das waren Geräte für Praktiker, denen Bevier immer wieder auf die Finger sah. Die Geräte waren ergonomisch zu einer Zeit, als noch kaum einer das Wort bei uns kannte. Vielleicht sogar er selber nicht. Denn um ergonomisch zu bauen, muss man sich die Konstruktion Mensch ansehen, seine Armlänge, seine Hebelkräfte und vieles mehr. Ein Knopf war kein Mehrfunktionselement, sondern hatte nur eine Funktion. Darauf konnte man sich verlassen, da wurde nicht gefragt, ob man ihn auch wirklich drücken wolle, und Ausnahme-Schutzverletzungen traten auch nicht auf.

Der kreative Teil

Diese erwähnten Leistungen waren schon viel, aber vielleicht noch nicht die Oskar-Messter-Medaille wert. Aber da gab es noch den kreativen Teil in ihm, den man in der Technik oft fast verächtlich als Tüftler und Erfinder belegt. Was aber ist ein Erfinder anderes als kreativer Techniker? Die Liste seiner Entwicklungen, die man Günter Bevier zuschreiben muss, ist lang und kann hier nur unzureichend dargestellt werden. Der erste Schneidetisch mit Durchprojektion 1955, ganz entscheidend ein vollkommen neuartiger Antrieb, der sowohl einen netzsynchronen als auch einen fein regelbaren Fußpedal-Betrieb ermöglichte und letztlich der selbst heute noch berühmte zentrale Wahlschalter, mit dem alle Geschwindigkeiten 24 B/s und 25 B/s verriegelbar und alle Bildgeschwindigkeiten zwischen 1 und 100 B/s (!) feinst dosiert über einen Hebel regelbar waren.

Es wäre abendfüllend, allein die Konstruktionen aufzuführen, die den Schneidetischbau entscheidende Impulse gaben; die mechanisch hochpräzise und absolut schlupffreie Verzahnung zwischen Bildfilm, Magnetfilm und Antrieb. Und wahrscheinlich sein Prachtexemplar, der erste 6-Teller 16-mm-Schneidetisch ST900. Da ging die Fachwelt auf der photokina drum herum, als wenn’s das Spitzenmodell von Mercedes war. Und um ehrlich zu sein, er war der Mercedes unter den Schneidetischen, sogar mit höheren Beschleunigungswerten als der.

Die Zeit der Elektronik

Dann kam die Zeit der Elektronik. Bevier fühlte sich nicht mehr so ganz zu Hause in der neuen Technik, er der Mann mit den zwei rechten Händen (jetzt wissen wir übrigens auch, warum es Menschen mit zwei linken Händen geben muss). Was machte Bevier, er buchte Fernkurse von ITT und büffelte. Ergebnis: ein neuartiger elektronischer Zähler mit Codiersteckern, der selbst in den USA reißenden Absatz fanden. Kurze Zeit später konstruierte er die ersten Geräte für den vom IRT entwickelten Zeitcode. Und dann sprang er eben mal wieder zur Mechanik und entwickelte ein vollkommen neues Differenzialgetriebe mit Digitalanzeige, und dann entwickelte er mal eben ein 18-flächiges Flächenpolygon für eine verbesserte Bildwiedergabe. Und dann könnte ich Ihnen noch erzählen, wie er die Flachbauweise der Schneidetische in Amerika einführte und dann, und dann… Der Platz reicht nicht, vieles von seinen Entwicklungen ist in den beiden Teilen seines Beitrags zu lesen, der in der FKT 2000, Nr. 5 und Nr. 6 erschienen ist.

Bevier zieht sich zurück

1975 starb der Firmengründer Steenbeck. 1978 zog sich Günter Bevier nach 25 Jahren im Dienste dieser Firma „im gegenseitigen Einvernehmen mit den Firmenerben“ zurück. Tatsächlich gab es seit diesem Zeitpunkt keine wesentlichen Neuentwicklungen im Schneidetischbau mehr, weder bei Steenbeck noch bei der Konkurrenz. Und die Computer kamen. Der nonlineare elektronische Schnitt löste den mechanischen Filmschnitt schneller als damals viele glaubten ab. Die alte Firma Steenbeck gibt es juristisch nicht mehr. Bevier selbst fertigt bis zum heutigen Tag Spezialentwicklungen in seinem Haus, an das er eine Werkstatt anbaute. Er kann´s einfach nicht lassen (zum Glück!). Eine Epoche der filmischen Bearbeitung ist, seien wir ehrlich, vorbei, eine Epoche die ganz wesentlich von den Entwicklungen einer Firma und eines Mannes geprägt wurden, der so im Hintergrund und bis heute bescheiden gewirkt hat, dass ihn eben viele von Ihnen nicht mehr kannten. Nun kennen Sie ihn zumindest ein bisschen.

Die FKTG verleiht Herrn Günter Bevier die Oskar- Messter-Medaille. Sie würdigt damit seine hervorragenden Verdienste auf dem Gebiet der Filmtechnik, insbesondere seine überragenden ingenieur- mäßigen Leistungen bei der Entwicklung von Filmschneidetischen.

(Laudator N. Bolewski, vorgetragen am 22. Mai 2000 auf der Jahrestagung der FKTG.)

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Nach dem Tod seiner Frau, nach über 50-jähriger Ehe, verkaufte Günter Bevier sein Haus und ging in ein Seniorenheim, in dem er am 20. Februar 2014 im 91. Lebensjahr starb.

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