Wie geht es weiter mit dem Kino?

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TV contra Kino: Die ewige Konkurrenz

 

Seit den Anfangstagen des Fernsehens gibt es die Konkurrenz zwischen dem Kino und dem häuslichen Fernsehen. Den farbigen Film gab es lange vor dem Farbfernsehen. Und als dann auch das Farbfernsehen kam,  sorgten eine große Cinemascope- und Superscope-Leinwand mit einer hervorragenden Bildauflösung und einer immer besser werdenden Farbigkeit jahrzehntelang dafür, dass auch das Filmbild konkurrenzlos gegenüber dem Fernsehbild blieb.  Das hat sich geändert. Praktisch zeitgleich mit der Einführung des digitalen Kinos gab es auch TV-Displays mit gleicher bzw. ähnlicher Bildschärfe (Auflösung), mit gleicher oder sogar besserer Spitzen-Leuchtdichte und mit gleich guter Farbigkeit. Der sichtbare Unterschied zwischen den beiden Medien wurde immer geringer. Viele Menschen - wahrscheinlich sogar heute die meisten - sehen deshalb immer weniger einen Grund darin, wegen einer technisch bedingten besseren Filmwiedergabe ins Kino zu gehen. Diejenigen, die nach wie vor ins Kino gehen, wissen es entweder besser oder haben als Filmenthusiasten, wie ich es bin, andere Gründe.

 

Neuere Versuche, mit 3D den Kinobesuch steigern oder mit einer besseren Tonwiedergabe aufwarten zu können, zeigten ein schnelles Gleichziehen bei den Techniken mit 3D-TV-Displays und 5+1-Tonwiedergabe im TV-Bereich. Aber man versucht es weiter.

 

Immersive Verfahren

 

Barco Escape und Screen X sollen zum Beispiel die darstellerische Kreativität erhöhen und den Raum zu allen Seiten hin öffnen. Gemeint ist damit, dass die Projektion nicht nur auf eine Frontal- Bildwand  erfolgt sondern sich rechts und links noch je eine weitere Bildwand befindet, die auf sehr unterschiedliche Weise zu nutzen ist: als immersives Gesamtbild, das den Raum über drei Seiten abbildet, sowie in allen Varianten, eine Leinwand pro Bild oder auf beiden Seitenwänden unterschiedliche Bilder usw., usw. Die Kreatitivät mag das beflügeln, allerdings verlangt das auch speziell dafür erstellte oder “erweiterte” Filme. Ich frage mich auch, ob nicht das Licht der beiden seitlichen Bildwände die Frontleinwand so stark aufhellen wird, dass der Kontrast der Frontalwand deutlich reduziert wird. Aber ich habe selbst noch keinen Film dieser Art gesehen. Wer mehr darüber wissen will findet eine Beschreibung der “Philosophie” dahinter und einige Darstellungen auf der Website http://screenx.co.kr/en/  . Das Verfahren wurde vor rund zwei Jahren von einem südkoreanischen Unternehmen entwickelt und patentiert, bis zum Jahre 2020 will man weltweit über 1000 Kinos dieser Art weltweit verfügen.

Barco Escape wurde im Herbst 2014 in den USA und Europa und 2015 auch in China vorgestellt. Eine kurzes Video ist unter  https://www.youtube.com/watch?v=IaFQaGvvFo8 zu finden. Ob es hier eine Zusammenarbeit mit Screen X gegeben hat ist mir nicht bekannt, zumindest äußerlich sind beide Systeme auffallend ähnlich. Als erster Film wurde Maze Runner gezeigt, oder richtiger sieben Minuten des Films sind auf das erweiterte Escape-Tri-Format ausgelegt und können in speziell dafür ausgerichteten Kinos mit den drei Bildwänden gezeigt werden. Bei   Maze Runner: The Scorch Trials, wurden 20 Minuten im Escape-Format aufgenommen. Mitte 2015 gab es 20 Escape-ausgestattete Filmtheater weltweit (15 davon sind in den USA), bis zum Ende des Jahres 2015 wollte das Unternehmen 100 bis 150 Filmtheater  weltweit bieten können und Barco hofft, in etwa fünf Jahren 3000 derartige Anlagen in den nächsten fünf Jahren weltweit in Betrieb zu haben. (nach http://www.hollywoodreporter.com/behind-screen/scott-waugh-make-first-movie-869405 )

Auch in Deutschland muss man noch hinzufügen, gibt es ja im Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut ein sogar 360-Grad-Kino, in dem faszinierende Filme von Opernaufführungen, Ballettdarbietungen und vielem mehr gezeigt werden können, aufgenommen mit einem Rundum-Kameraarray bestehend aus mehreren Arri-Kameras. Allerdings sind dieses Vorführungen nicht öffentlich (aber auch das gibt es am Tag der offenen Tür einmal jährlich). Auch diese Darstellungen werden, da es keine kommerziellen Filme dafür gibt und auch garnicht geplant sind, nicht in der heutigen Kinolandschaft zu finden sein.

Futuristisch

MAGI Pods ist ein anderes Verfahren. MAGI ist die Idee von Douglas Trumbull, einem Medien-Guru, der zum Beispiel Showscan mitentwickelt hat und der nun mit MAGI Pods (MAGI Gehäusen bzw. Häusern) eigene experimentelle Kinos, in Themenparks zum Beispiel, bieten will, die eine ultrarealistische Bilderwelt zeigen sollen. Und das mit der besten heute überhaupt realisierbaren Technik in 3D, mit 4 K und 120 Bildern/s Aufnahme- und Wiedergabefrequenz. Auf der sehr interessanten Website http://goo.gl/DLCeue schreibt der amerikanische Berichterstatter Arthur Levine, der eine erste Technologie-Demonstration gesehen hat, “I was wowed”. Das will ich gerne glauben, und vielleicht kommt es einen fernen Tages wirklich mal dazu, dass solche Techniken Stand der Technik werden - aber erst einmal wird es ein hochinteressantes Projekt bleiben, dem man nur viel Erfolg wünschen kann, das aber nicht für allgemeine Kinos in absehbarer Zeit kommen wird. Auch Dog Trumball sieht diese Filmtheater insbesondere als  Locations in Planetarien, Museen, historischen Sehenswürdigkeiten und Themenparks, wie seine futuristische Darstellung zeigt, das der oben erwähnten Website entnommen wurde.

Realität

Das ist ganz anders bei den beiden neuen Anwendungen, die in die Kinos kommen und in einigen sogar schon heute eingebaut sind. Sie bieten im Prinzip das totale “Ausreizen” bereits bestehender technischer Möglichkeiten. Es sind in alphabetischer Reihenfolge die Systeme Dolby Cinema und IMAX Laser. Beide Verfahren bieten eine Wiedergabe mit hoher Leuchtdichte und erhöhtem Kontrast (Laserprojektion). Bei einigen Spielfilmen, die jetzt aufgenommen wurden, wurde bei der Aufnahme und der Filmbearbeitung ein High Dynamic Range (HDR) berücksichtigt, der eine deutliche und sichtbare Erweiterung des Kontrastumfangs bei der Wiedergabe bietet. Beide Verfahren sind durch eine besonders aufwendige Art der Tonbearbeitung gekennzeichnet, die nicht nur eine enorme Klangfülle und Tonrealität bietet, sondern auch eine enorm genaue vom jeweiligen Zuschauerplatz vorhandene Ortungsmöglichkeit des Schallereignisses gestattet. An dieser Stelle sei deshalb auch das Kino-System von Barco noch einmal erwähnt. Das Unternehmen bietet nicht nur wie für das anfangs genannte immersiven Barco Escape sondern auch in Verbindung mit ihren hochwertigen Laserprojektoren (HDR) ein ähnlich spezielles Tonsystem, das sich Auro11.1 nennt (vereinfacht 5+1-System in verschiedenen Ebenen).

Das IMAX in Berlin ist seit November 2015 das erste IMAX Laser auf dem europäischen Festland. Europas erstes IMAX Laser war das Empire am Leicester Square in London, das kurz vorher in Betrieb ging. Das erste IMAX Laser weltweit steht in Toronto, Kanada. Einen guten und lesenswerten Bericht, der auch eine Reihe technischer Detailangaben enthält, schrieb Nicolas La Rocco. Er ist auf der Website http://www.computerbase.de/2015-10/imax-laser-angeschaut-jetzt-fehlt-nur-noch-star-wars zu finden. Und unter der Home-Adresse www.imax.com  gibt es zahlreiche Informationen und Videos dazu.

Bei Dolby Cinema, das auch bereits in einigen Cineplex-Kinos eingesetzt wird, steht vor allem neben den HDR-Bildern die aufwendige Tonwiedergabe mit dem Atmos-Verfahren im Vordergrund. Ein ebenfalls guter Bericht von Nico Jurran über die Premiere des ersten Films findet man unter www.heise.de/ct/artikel/Dolby-Cinema-HDR-Bild-und-Multikanal-Sound-sollen-ins-Kino-locken-2752166.html

Geht Kino weiter?

Klar, in Deutschland war zum Beispiel das Jahr 2015 ein ausgesprochen gutes Kinojahr von den Besuchern (und natürlich für die Kinobetreiber) zu sehen. Aber es gibt auch kritische Stimmen, insbesondere aus den USA. Netflix und andere Streamingdienste erobern derartig stark die Gunst des TV-Publikums, dass sich Hollywood dem wohl nicht mehr verschließen kann. Es wird also immer mehr Produktionen dafür geben, denn die bringen den Studios das Geld.

Ob man mit technischen Bild- und Ton-Qualitätsverbesserungen den Kinobesuch halten oder gar attraktiver machen kann? Meines Erachtens war das immer nur sehr kurzfristig der Fall. Wesentlich war und sollte auch weiterhin die Geschichte, die Filmhandlung, das Storytelling, wie es heute so schön heißt, sein. Und das zu prognostizieren, traue ich mir nicht zu. Aber ich wünsche es mir, denn dann würden auch vielleicht kommunale Kinos eine Chance haben. Ihr Verschwinden sehe ich als das viel größere Problem und eine Verarmung der Kino- und damit Kulturlandschaftlandschaft.

 

Boljour: Das Weblog von Norbert Bolewski

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