Kein 3D-TV mehr, aber Fernsehen im Pappkarton?

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Da war doch noch was, richtig 3D-TV.  Mit dem Avatar-Film 2009/2010 begann der 3D-Hype im Kino und so schnell wie möglich wollte man beim Fernsehen hinterher. Die Technik mit den als Prototypen vorgestellten brillenlosen 3D-Displays ist bis heute nicht für breite Anwendungen verfügbar, und die wenigen Programme für die 3DTV-Technik mit den 3D-Brillen hypnotisierte vielleicht einige Verkäufer bei der TV-Geräte herstellenden Industrie, beim Bürger reichte es nicht einmal zu einem Hype. Schnell legte sich der Mantel des Vergessens über das Thema. Nun also ist das, was eigentlich alle schon wussten, gewissermaßen „amtlich“: Die beiden, wie ich glaube, noch einzigen Hersteller von 3D-TV-Geräten, nämlich LG und Sony, haben bekannt gegeben, dass sie künftig solche Geräte nicht mehr produzieren. Tim Alessi, LG's director of new product development, erkannte in diesem Jahr, dass die 3D-Fähigkeit einfach kein wichtiger Kauffaktor bei der Wahl eines neuen TV-Geräts sei.  Der Verkauf von 3D-Fernsehern ist seit mehreren Jahren rückläufig. Waren es im Jahr 2013 noch 23% der TV-Einkäufe in den USA, so wurden 2016 nur noch 8% nachgefragt bzw. (mit)gekauft.

Nun kommt mit Virtual Reality und mit 360-Grad-Video wieder ein neuer Hype, oder ist es eventuell gar keiner. Anders als bei 3D-TV ist ein 360-Grad-Video in jedem Falle etwas wirklich Beeindruckendes, wenn man es mit einer VR-Brille schaut, also kein reales Umfeld mehr im Blick hat. Kein anderes Verfahren vermittelt einem einen derart realen Eindruck, dass man sogar bestimmte Filme unbedarften Menschen nicht zeigen sollte, ohne sie vorher auf die Wirkungen aufmerksam zu machen. Und damit meine ich keine Pornofilme, über die heute schon 12-jährige müde lächeln, sondern solche, die nachweislich so realitätsnah sind, dass sie stärkste Ängste, beispielsweise bei Aufnahmen wie Fallschirmspringen, Hochhausjumping oder sogar Achterbahnfahren auslösen können - vorausgesetzt man benutzt eine gute VR-Brille. Toll! Sogar mit Pappkarton und Smartphone kann man die Wirkung noch erahnen.

Ja, aber was hat das Fernsehen damit zu tun. Künftig sollen angeblich große Sportsendungen in 360-Grad-VR-Technik übertragen werden. OK, aber dafür brauche ich meinen Fernseher nicht. Davon abgesehen, dass die Aufbereitung einer solchen Übertragung ein Vielfaches an Problemen mit sich bringt, könnte man das VR-Signal in Zukunft sicherlich auch über den Fernsehanschluss (per Satellit oder Kabel) verteilen. Aber auf meinem Fernseher ließe sich allerhöchstens ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtbild zeigen, und mit irgendwelchen Zusatzsignalen könnte ich vielleicht mir einen anderen Ausschnitt aus dem 360-Grad-Bild heraussuchen. Spielfilmartige Sendungen verlangen eine vollkommen neue Dramaturgie, wenn man nicht vor lauter Reality bei den dann deutlich länger ablaufenden Szenen einschlafen will.

Um es unmissverständlich zu sagen, 360-Grad-VR-Video ist eine tolle Sache, für jeden Einzelnen, wobei die Betonung auf Einzelnen liegt. Es gibt viele sinnvolle und interessante Anwendungen dafür, wirklich das Gefühl zu bekommen, selbst dabei zu sein. Aber es ist kein Massenmedium, man sieht es allein, man ist allein, selbst wenn der andere auch mit einer solchen Monsterbrille bestückt neben uns säße. Warum sollten Fernsehsender so etwas noch zumal in der doch angeblich ach so angespannten Finanzsituation produzieren. Das ist mir nicht klar. Aber natürlich, warum soll es nicht Produzenten geben, die solche Filme erstellen und vertreiben, beispielsweise Reisedarstellungen, Museumsbesuche usw., oder Pornos, die ja wohl am meisten Geld einbringen sollen und - da sehe ich einen sinnvollen und wirtschaftlich sehr lukrativen Markt - im Game-Bereich.  Es spricht also nichts gegen 360-Grad-VR. Nur Fernsehen ist das eben nicht und wird es wohl auch nicht - es ist ein neues System, vielleicht auch neues „Format“, aber da bin ich mir gar nicht so sicher. Es soll ja auch schon VR-Kinos geben, vielleicht um das Gejodel der anderen zu hören, oder wo ist der Sinn?

Bin ich schon zu alt, um das zu begreifen? Wird VR das kommende Super-Future-Fernsehen sein? Oder warum sind die (oder zumindest einige) Fernsehanstalten so scharf darauf? Wer kann mich schlauer machen, noch bin ich lernfähig. Und ich mag auch 360-Grad-VRs, zugegeben aus Preisgründen auf Smartphone mit Pappkartonumrandung und damit noch etwas eingeschränkt - technisch, aber nur technisch.

 

Norbert Bolewski

 

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