Traumschmelze – der deutsche Zeichenanimationsfilm 1930-1950

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Noch bis zum 29. September 2013 präsentiert sich in der Technischen Sammlung Dresden eine Ausstellung über den deutschen Zeichenanimationsfilm 1930-1950. Sie wurde im wesentlichen durch das Deutsche Institut für Animationsfilm (siehe Kasten rechts) in Dresden initiiert.Dort gab es bereits umfangreiche Informationen und Materialien dazu, insbesondere über das ehemalige DEFA Studio für Trickfilme. Vor drei Jahren wurde man mit dem Sammler J. P. Storm bekannt, der schon seit drei Jahrzehnten praktisch alles sammelt, was mit dem deutschen Zeichentrickfilm zusammenhängt: Phasenbilder, Schriftdokumente, Fotos von den Produktionsstätten und den Personen. Er hat Anfang der achtziger Jahre auch noch sehr viele Zeitzeugen gefunden und interviewt, was ebenfalls einen großen Schatz darstellt.
 
Mit diesem Grundstock, ergänzt mit Beispielen aus der eigenen Sammlung des Vereins und der Hilfestellung bei der wissenschaftlichen Aufbereitung, gelang die Realisierung einer einzigartigen Ausstellung über einen Bereich des deutschen Films, der bislang nur wenig beachtet wurde und stets im Schatten des amerikanischen Zeichentrickfilms stand. Gut gelungen ist auch, dass die Filme und Materialien in den Kontext der damaligen Zeit gestellt wurden.
 
Noch vor 1930 war Deutschland das Zentrum der internationalen Animationsfilm-Avantgarde. Hier spielte man mit Formen und Farben, später auch mit Ton und Schnittexperimenten. Bemerkenswert ist, dass solche Filme in der NS-Diktatur nicht als „entartete Kunst“ galten, vielleicht weil die NS-Führungsriege selbst von den damals bereits in Deutschland sehr beliebten Mickey-Mouse-Filmen begeistert war. So weist zum Beispiel ein Tagebucheintrag von Josef Goebbels Ende 1937 auf sein Weihnachtsgeschenk von 18 Disney-Filmen an Adolf Hitler hin.
 
 
 
Ausschnitt aus einer Anzeige der Ufa-Werbefilm 1932 mit Dankesbrief für den Telefunken-Film „Tanztee“
 

Der Zeichentrickfilm ab den dreißiger Jahren fand fast nur in der Werbung statt und nahm im Dritten Reich zunächst einen ungebremsten Aufschwung. Allerdings war die Werbung, insbesondere im Zusammenhang mit dem Tonfilm, damals etwas vollkommen Neues und der Zuschauer reagierte entsprechend. So findet sich in der Ausstellung eine Anzeige der Ufa-Werbefilm aus dem Jahre 1932, die einen Dankesbrief der Telefunken-Gesellschaft für ihren Werbefilm „Tanztee“ abgedruckt hat, in der es heißt „...dass das Publikum über das übliche Maß hinaus zum spontanen Beifall angeregt wurde“. Welche Werbung fände wohl heute noch spontanen Beifall?


Bild links: Arbeitsproben aus der Nachwuchsausbildung der deutschen Zeichenfilm GmbH: Zeichenskizzen von Erika Müller, entstanden in ihrem ersten Lehrjahr, 1944 (Ausschnitt)


Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Werbung Teil der „kriegsverpflichtenden Wirtschaft“. Ihre Inhalte wandelten sich in Richtung Verhaltensanleitungen und Sparaufrufen. Im Unterhaltungsbereich gab es eine Debatte um die richtige Verfilmung des deutschen Märchenguts, die konform gehend mit der „Rassenideologie“ unter anderem zu heute kaum noch begreifbaren Trick-Kurzfilmen führte, die damals in Schulen vorgeführt wurden („Der Gold stehlende Jude“ zum Beispiel).

1941 wurde die Deutsche Zeichenfilm GmbH als Tochtergesellschaft der Ufa gegründet, um Walt Disney mit einer eigenständigen Zeichentrick-Animationsindustrie Konkurrenz zu bieten. Die Trickfilmaufbereitung deutscher Volksmärchen stand dabei im Vordergrund. Dort entstand der erste Trickanimations-Kurzfilm „Armer Hansi“ 1943. Doch die Erzeugnisse der Deutschen Zeichenfilm GmbH blieben hinter den offiziellen Erwartungen zurück. Sogar internationalen Erfolg hatte indessen zur gleichen Zeit der damals in Leipzig tätige und später in der Bundesrepublik Deutschland auch in den Nachkriegsjahren bekannt gewordene Trickfilmer Hans Fischerkoesen.
 
Sein wohl berühmtester Film ist „Der Schneemann“, und die Ausstellung mit dem Plakattitel „Traumschmelze“ soll auch visuell das Vergehen dieses Traums Zeichentrickfilm am Beispiel dieses Schneemanns verdeutlichen. Der Trick-Animationsfilm in den letzten Kriegsjahren diente vorzugsweise der unterhaltsamen Unterbrechung der Kriegsberichterstattung.

Bild oben: Humoristische Ansicht der Arbeit bei der deutschen Zeichenfilm GmbH etwa 1943/44. Zeichnungen von Gerhard Fieber als Filmstreifen arrangiert


Auch technisch gesehen gibt es einiges interessantes, denn im Animationsfilm wurden noch bevor es die ersten Dreischichten-Farbfilme gab, Filme nach dem Gasparcolor-Verfahren hergestellt. Die Technik der Disney Company für den Multiplan-Tricktisch wurde übernommen. Und da er keinen Patentschutz für Europa hatte, konnte man ihn nachbauen und wollte ihn sogar in Europa verkaufen. Auch Stereofilme wurden im Animationsfilm gemacht, was wiederum den Bezug bietet zu Zeiss Ikon in Dresden, die in den zwanziger Jahren Stereofilmkameras mit Spiegelvorsätzen aber auch zwei Objektiven in einem herstellten, und auf einen Bildfilm belichteten (Raumfilmverfahren). Diese und ähnliche Kameras kann man sich übrigens auch eine Treppe höher anschauen. Kern der Technischen Sammlung Dresden sind ja die Kameras, auch Filmkameras, von Zeiss Ikon, die Projektoren von Ernemann usw., die alle in Dresden gebaut wurden.
 
Kommt man in den rund 300 m² großen Ausstellungsraum über den Animationsfilm mit den unzähligen Fotos, Materialien, realen Filmbeispielen, die man sich anschauen und über Kopfhörer anhören kann, so weiß man nicht ganz genau, wo man anfangen soll. Tatsächlich gibt es aber eine Struktur der Ausstellung, wie mir André Eckart erläuterte, der Projektleiter und einer der vier Kuratoren, der mich sehr fachkundig und interessant erzählend durch die Ausstellung führte. Allerdings hat man bewusst offen gelassen, wo man mit der Ausstellung beginnen will, denn es sind im Grunde genommen mehrere parallele Linien, die gleichzeitig auch die parallelen Entwicklungen aufzeigen. So könnte man beispielsweise mit der Reihe Avantgarde beginnen, die auch sehr viel Impulse auf den Werbefilm ausübte, den man in zweiten Reihe findet. Und schließlich gibt es den Bereich der Verfilmung von Märchen usw.
 
 
 
Blicke in den Ausstellungsraum
 
 
Wer am Thema näher interessiert ist, der findet auch eine (deutsch/englische) Begleitbroschüre für 10 Euro mit sehr vielen Abbildungen, die man nur empfehlen kann.
 
Das erfreuliche Ergebnis der fachlichen und liebevollen Aufbereitung der gesamten Thematik ist, dass der Sammler J. P. Storm seine Materialien anschließend als Dauerleihgabe der Technischen Sammlung Dresden zuführt. In Anbetracht der Tatsache, dass es ja auch dort bereits eine größere Sammlung des DEFA Trickstudios nach dem Kriege gibt und Dresden auch in der Historie des Zeichentrickfilms eine Rolle spielt, ist das sicher eine außerordentlich begrüßenswerte Entscheidung.
 

Norbert Bolewski


Deutsche Zeichentrickfilme bei Youtube

Fischerkoesen:

 
Gerhard Fieber:
 
Armer Hansi 1943
©Text und Fotos Eckart und Innenräume: © N. Bolewski
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