Livestreaming - Jenseits von TV

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Schon am 22. August 2013 veranstaltete die Regionalgruppe Nord eine FKTG - Regionalveranstaltung. Statt wie sonst eines einzelnen Vortrags gab es über den gesamten Nachmittag mehrere Vorträge, die dem Thema Produktionstechnik mit „großen Daten“ zuzuordnen waren und über die ich nächste Woche berichten werde. Allein ein Vortrag, der erste, hatte mit dem Rest der Referate, wenig zu tun, sondern beschäftigte sich mit Angeboten jenseits des üblichen TV. Für mich persönlich war es der interessanteste, leider auch der kürzesten mit knapp 20 Minuten.

Er war deshalb so interessant, weil die meisten von uns die FKTG als Netzwerk ansehen, in der beruflich tätige film- und fernsehtechnische Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler sich engagieren. Das ist sicher auch richtig, aber wir alle wissen, dass sich in der Medientechnik ein gravierender Wandel vollzogen hat. Genau dieser früher nur von Fachleuten beherrschte Bereich steht jetzt in seiner Anwendung im Grunde genommen für jeden offen. Jeder kann heute seinen eigenen „Sender“ betreiben, jeder seine Videos per Livestream, youTube-Kanal oder in anderer Weise im Internet einem kleinen, großen, manchmal so gar riesig großen Publikum darbieten. Auch das ist Fernsehen, Auch das kann professionelles Fernsehen sein und ist es auch immer mehr, auch das verlangt Technik und Technikkenntnisse, gerade hier gibt es noch sehr viel Neuland zu betreten und es besteht Bedarf an Erfahrungsaustausch. Wir sollten deshalb diese stark zunehmende Gruppe weit stärker als bisher betrachten und Ernst nehmen. Denn das wird mit Sicherheit ein Teil unser schönen neuen Fernsehwelt werden.

Die Referentin war Frau Dr. Claudia Heydolph. Sie ist von Hause aus Journalistin und hat das Redaktionsbüro crossmedial gegründet in dem TV-Anwendungen außerhalb des üblichen TV-Angebots von öffentlich-rechtlichen oder privaten Sendern analysiert, erprobt und entwickelt werden. Sie sagte das etwas salopper: Sie wolle die professionellen Fernsehmacher und die youTuber miteinander verbinden.

Fernsehen ist nicht mehr das, was es früher einmal war

Die früheren Live-Veranstaltungen werden zunehmend durch Livestreams ersetzt oder ergänzt. So zum Beispiel beim MDR Thüringen, der sein gesamtes Fernsehprogramm per Livestream im Netz darstellt.

Arte LiveWeb produziert sogar mit einem „Internet auf Rädern“-Fahrzeug und streamt direkt von aktuellen Ereignissen vor Ort.

Jenseits des klassischen Fernsehprogramms

Die Zugangsbedingungen für ein eigenes gestaltetes Fernsehprogramm sind sehr viel leichter geworden. Man kann schon mit einem guten Smartphone und einer entsprechend guten Internetverbindung von jedem Ort aus live streamen. Es gibt in der Zwischenzeit auch einen Kontext zwischen Livestream und Social Media, das so genannte Social TV. Natürlich kann man mit Livestream auch Wissen transportieren. So hatten beinahe alle größeren Firmen auf der CeBIT in Hannover ihren eigenen Livestream und man konnte deren Präsentationen bequem vom Büro oder von zuhause aus verfolgen und auch speichern. Es lässt sich also heute vom hochwertigen Event bis zur Community alles abdecken. Livestream ist somit auch Community. Es gibt zum Beispiel die so genannten Hangouts on air bei Google+. Da sind oft auch Übertragungen von öffentlichen Veranstaltungen. Obama hat zum Beispiel in seinem Wahlkampf mit bis zu 10 Bürgern per Livestream diskutiert, die an den verschiedensten Orten der USA saßen, und die Diskussion konnte von allen Interessierten Google+-Teilnehmer auch direkt gesehen werden.

Livestream schafft auch Transparenz in der Gesellschaft. Er bietet die Möglichkeit, alles öffentlich zu machen. Man kann über alles berichten was man möchte, um auch gesellschaftliche Prozesse auszulösen oder darzustellen. Bürgerinitiativen sind ein Beispiel. Die Bürgerveranstaltungen mit Infos über die havarierte Atommüllkippe Asse bei Wolfsburg ist eines davon. Man hat auch die Möglichkeit der Archivierung, und kann sich die Diskussionen erneut später in Ruhe anschauen. Es gibt keine rechtlichen Regelungen, wie beispielsweise bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, was die Dauer der Verfügbarkeit anbelangt.

Ein weiteres Transparenz-Beispiel ist auch die Übertragung der Sitzungen des Wiener Landtags und des Gemeinderats, die sich jeder Bürger über das Internet Live und auch später anschauen kann. All das trägt dazu bei, gesellschaftliche Prozesse darzustellen. Das Ganze hat sicherlich oft nicht die hohe Professionalität und technische Sauberkeit. Aber um entsprechende Informationen sogar recht lebendig zu vermitteln ist es sehr gut geeignet.

In den letzten Jahren hat sich auch technisch eine Menge getan, so dass eine hohe technische Qualität erreichbar ist. Das erkennt man deutlich bei Livestreams im Bereich Content Marketing. Auch dadurch kann zusätzlicher Mehrwert für das Publikum hergestellt werden. Als Beispiele wurden genannt ein durchgängiges TV-Angebot zur Kieler Woche, das von Audi gesponsert wurde, mit Beiträgen, Zusammenfassungen, Berichten und Ausblicken, täglich live, und das nicht nur von der heimatlichen Bevölkerung sehr interessiert entgegengenommen wurde.

Ein weiteres Beispiel ist die Staatsoper in München. Als Sponsor dafür konnte die Linde-Gruppe, ein international agierenden Unternehmen, gewonnen werden. Die Livestreams werden auch bevorzugt gerne im amerikanischen und asiatischen Raum gesehen. Es handelt sich hier bereits mehr um eine professionelle Übertragung mit sechs Kameras und zig Mikrofonen. Livestream bietet auch die Möglichkeit sich sozial zu vernetzen und durch das Social Web Kommunikationsprozesse neu zu steuern. So wurde vor drei Jahren schon ein ganzes Fußballspiel live in Facebook übertragen. Man musste dazu den „like“-Button auf der Fanpage eines Bierherstellers anklicken. Die technische Qualität war eher als schlecht zu bezeichnen. Trotzdem hatte der Bierhersteller von einem Tag zum anderen 10.000 mehr Fans auf seiner Webpage. Die Werbewirkung war größer als es je ein deutscher Fernsehsender zu bieten vermag. Das hat übrigens viele Nachahmer gefunden. So überträgt der DFB Livestreams zum Frauenfußball.

Cricketfreunde weltweit finden sich unter dieser Adresse, und die Floorball-Weltmeisterschaft in Hamburg im Mai dieses Jahres wurde ebenfalls per Livestream übertragen. Livestreaming bietet auch viele Möglichkeiten im Bereich der Aus- und Weiterbildung.

Es gibt zurzeit von Berlin aus gesteuert ein Netz von Freelancern in der Ununi. Dort werden unter anderem auch E-Learning-Pakete entwickelt, die in den normalen Workflow integriert werden können.

Norbert Bolewski


@ Text: N. Bolewski
@ Foto: Christiane Brandes-Visbeck
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