Sicherung und Bewahrung des Nationalen Filmerbes (3/3)

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Rechtliche Situation und das Erbe der Menschheit

Nun bekommen wir in Deutschland ja gar nicht von allen Filmen eine Kopie. Und wenn, so wird nirgends gefordert, dass das eine noch gute oder brauchbare Kopie ist oder ob sie Schrammen hat oder an der Qualität Abstriche gemacht werden müssen. Meines Wissens ist das nicht geregelt. Es gibt zurzeit auch noch keine rechtlichen Möglichkeiten zu sagen, dass von jedem Film eine hochqualitative Kopie dem Archiv oder der Kinemathek überlassen wird.

Ja diese Situation ist bedauerlich in Deutschland. In der Bundesrepublik Deutschland ist der Schutz des Filmerbes seit Jahrzehnten unzureichend gesetzlich geregelt. Eine nationale Strategie zur Digitalisierung des Filmerbes gibt es bislang nicht, zuverlässige Systeme zur Langzeitsicherung des digitalen Filmerbes müssen erst eingerichtet werden. Es existiert bislang keine systematische Hinterlegung für alle zur Veröffentlichung gelangten Filmwerke, weder für Kinofilme, noch für Filmeditionen, die auf Vervielfältigungsträgern veröffentlicht werden. In anderen Ländern ist das gesetzlich weitaus besser geregelt. So hat z.B. Dänemark vorbildliche Regelungen zur Sicherung des Filmerbes eingeführt. Die Hinterlegungspflicht erstreckt sich dort nicht nur auf Archivkopien, sondern sieht die Hinterlegung der originalen Ausgangsmaterialien vor, also z.B. das Originalnegativ oder die digitale Quelldatei, das Rich Digital Master.

Aber das digitale Master kommt doch normalerweise überhaupt nicht ins Archiv.

Ja leider. Die Materialien lagern meist bei den Produzenten oder sind in Filmlagern untergebracht, wo sie oft nur mit dem Materialwert versichert sind. Für die Langzeitsicherung der Materialien wäre es wichtig, dass diese Materialien in die Filmarchive gelangen, in denen sie sachgerecht und langfristig archiviert werden. Die Archive müssten mit Unterstützung der Kulturpolitik hierzu Vereinbarungen mit den Produzenten treffen und den Schulterschluss mit den Produzenten suchen. Man sollte also gemeinsam diese große Aufgabe der digitalen Langzeitsicherung in einer Art Allianz regeln, weil es ja letztlich auch im Interesse der Produzenten und natürlich auch aller Filmschaffenden sein müsste, diese Filme auch in der Zukunft noch verwerten und vorführen zu können. Andernfalls drohen für die Zukunft immense Verluste nicht nur des analogen, sondern auch des digitalen Filmerbes.

Das ist die Frage, ob das für die Produzenten wichtig ist. Im Allgemeinen heißt es, dass sie innerhalb weniger Wochen oder Monate, zumindest nachdem die DVD (oder Blu-Ray) und vielleicht auch die Fernsehverwertung erfolgt sind, ihre Umsätze getätigt haben. Was danach folgt, erbringt praktisch keine lohnenswerte Umsätze mehr. Das legt doch die Vermutung nahe, dass die Produzenten keineswegs so stark an einer langfristigen Aufbewahrung interessiert sind, insbesondere wenn sie möglicherweise dafür noch eigenes Kapital für ihren dauerhaften Erhalt aufbringen müssen.

Naja, die Hollywood-Studios machen das ja, sie investieren sogar relativ viel Geld in die Filmarchivierung und Filmrestaurierung. Sie sind da schon weitsichtiger. Man hat auch dort lange Zeit gedacht, dass man die Filme nach der Kino- und Fernsehauswertung nicht mehr braucht. Aber durch den Wandel der Technologien entstehen auch neue Verwertungsmöglichkeiten für Filme. Insbesondere seit den 1980er Jahren setzte bei den großen Hollywood-Filmstudios durch den Home Video Markt ein Umdenken ein. Angesichts der neuen Verwertungsmöglichkeiten für Filme änderte sich die Politik der Hollywood-Studios in Bezug auf die Konservierung von Originalmaterialien und die Sicherung des Filmerbes grundlegend. Den Studioverantwortlichen wurde zunehmend bewusst, dass der Filmbestand einen der wichtigsten Vermögenswerte eines Studios darstellt und das Potential künftiger Verwertung der Filme in hoch auflösenden Formaten in hohem Maße davon abhängt, ob die originalen Ausgangsmaterialien in bestmöglicher Bild- und Tonqualitat langfristig gesichert sind.

Nicht überall kümmern sich die Produzenten oder die Filmstudios um den Schutz des Filmerbes, daher ist es Aufgabe der Kinematheken und Filmarchive, das Filmerbe langfristig zu sichern und auch für die kommenden Generationen zu erhalten. Neben Maßnahmen auf dem Gebiet der Gesetzgebung erfordert die Langzeitsicherung der Filme die Bereitstellung der hierfür notwendigen finanziellen Mittel und des Fachpersonals. Im Bereich der Filmarchivierung werden jedoch in Deutschland vielerorts Stellen abgebaut. Dem gegenüber steht eine stetig wachsende Zahl audiovisueller Dokumente, die langfristig gesichert und zugänglich gemacht werden sollen. Es ist daher bereits absehbar, dass weitere Verluste drohen, wenn nicht ausreichend Ressourcen und Fachkräfte für die Langzeitsicherung des fragilen Filmerbes zur Verfugung gestellt werden.

In Deutschland gibt es leider riesige Lücken bei der Archivierung nicht nur des frühen Filmerbes, sondern vor allem auch der bundesrepublikanischen Filmproduktion nach 1945.

In der Bundesrepublik Deutschland wurden Filme nicht systematisch gesammelt, wie das beispielsweise im Staatlichen Filmarchiv der DDR – unterstützt durch gesetzliche Regelungen der Pflichthinterlegung – der Fall war. Die Filmproduktion der DDR ist daher viel umfassender gesichert und archiviert als die bundesrepublikanische. Das Filmerbe ist Kulturgut von gesamtstaatlicher Bedeutung. Wenn wir als Kulturnation die bedeutenden und weniger bedeutenden Werke der Bildenden Kunst in Museen ganz selbstverständlich sammeln, wenn wir gesetzliche Regelungen dafür finden, die gesamte nationale Buchproduktion in Bibliotheken zu sammeln und langfristig zu sichern, warum lassen wir dem Film nicht einen gleichwertigen Schutz als Kulturgut zukommen? Warum wird der Erhalt des Filmerbes so sträflich vernachlässigt?

Der Film sollte den gleichen Stellenwert als schützenswertes Kulturgut genießen wie das Schriftgut oder wie die Bildende Kunst und die Architektur. Die Anerkennung des Films als Kulturgut muss sich auch dadurch ausdrücken, dass die notwendigen Gelder bereitgestellt werden, um die Filme zu sichern, langfristig zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu halten. Filme sind nicht nur Unterhaltungsware, sondern sie auch überaus wichtige historische Quellen. Der Quellenwert der Filme für die Alltagsgeschichte, Kulturgeschichte oder Technikgeschichte ist noch längst nicht ausreichend erschlossen.

Fernsehfilme, die vielleicht sehr viel mehr die Zeitgeschichte dokumentieren, kommen in den Kinematheken nicht vor.

So ganz stimmt das nicht, weil ja Fernsehsender heute auch manchmal an den Kinofilm-Produktionen beteiligt sind. Allerdings sind in den vergangenen Jahrzehnten im Zeichen des medientechnologischen Wandels viele originale Filmmaterialien, die in den Archiven der Fernsehanstalten lagerten, nach Umkopierung auf MAZ-Bänder vernichtet worden.

Die Fernseharchive archivierten ehemals umfangreiche Bestände an 16 mm und 35 mm Fernsehkopien, darunter auch Kinofilme. Inwieweit diese Bestände im Zuge der Re-Organisation der Fernseharchive nach Umkopierung vernichtet wurden oder überliefert sind und in Archiven gesichert vorliegen, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Was ich als problematisch ansehe ist, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten zwar durch Gebühren finanziert werden, wir aber keinen Zugang zu ihren Archiven haben. Das sind reine Produktionsarchive, es gibt nach außen keine Informationen darüber, was langfristig erhalten wird. Und als normaler Benutzer kann man nicht einfach ins Fernseharchiv gehen und Fernsehsendungen ausleihen oder auch nur vor Ort sichten.

Ja, die Fernsehsender sind diesbezüglich eine eigene Welt und ziemlich abgekoppelt von der Welt des Films.

Was die Gesetzgebung anbelangt, so nehmen fast alle deutschen Archivgesetze die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ausdrücklich aus und weisen ihnen eigene Regelungskompetenz zu. Verbindliche rechtliche Regelungen für den Schutz und Erhalt von Filmbeständen in Fernseharchiven oder eine zentral koordinierte Sicherungsstrategie dieser Bestände existieren meines Wissens bislang nicht. Dabei müssten auch die Filmbestände der Fernseharchive in die Entwicklung einer nationalen Strategie der digitalen Langzeitsicherung eingebunden werden. Das Ganze ist im Grunde genommen nur politisch zu lösen. Aber da stellt sich das Problem, dass die Politik eher in den kurzen Zeiträumen von Legislaturperioden denkt. Die Langzeitsicherung des Filmerbes verlangt jedoch Nachhaltigkeit und weitsichtige langfristige Planung auf viele Jahre in die Zukunft.

In den Nachbarländern ist der Schutz des Filmerbes teilweise sehr viel besser geregelt. Frankreich hat beispielsweise viel Geld in die Umkopierung und Sicherung der Nitrofilme und hohe Summen in die Digitalisierung investiert. Hinsichtlich einer groß angelegten nationalen Initiative zur Sicherung und Digitalisierung des Filmerbes war das niederländische Projekt Images for the Future visionär. In Deutschland fehlt bislang eine nationale koordinierte Strategie der Digitalisierung und Zugänglichmachung des Filmerbes.

Was verstehen Sie unter der Strategie der Digitalisierung?

Die Digitalisierung darf nicht dem Zufallsprinzip folgen. Man muss eine Strategie und bestimmte Qualitätskriterien entwickeln, um zu entscheiden, was digitalisiert werden soll und in welcher Qualität. Die Auswahl der zu digitalisierenden Materialien muss auf einer informierten Entscheidungsgrundlage getroffen werden und auf einer fundierten Kenntnis des Filmbestands beruhen. Wenn man digitalisiert, muss man auch bedenken, dass man die Daten hegen und langfristig pflegen muss. Die Digitalisierung bedeutet oft keine Langzeitsicherung sondern sie gewährt meist nur einen zeitlich befristeten Zugang. Sie ist zudem kostenintensiv. Sicherung ist außerdem nicht als einmalige abgeschlossene Maßnahme zu begreifen, sondern als ein fortdauernder Prozess.  Die technischen Standards ändern sich so rasant, dass die heutigen Qualitätsparameter der Digitalisierung wahrscheinlich in zehn Jahren nicht mehr ausreichend sein werden. Dann muss man wieder auf das Ausgangsmaterial zurückgreifen und mit verbesserter Technologie neu digitalisieren.

Insbesondere wenn man bedenkt, dass ja auch die hochzeiligen 2K-, 4K-, und HDTV-Produktionen codiert und stark komprimiert sind und somit inhärente Qualitätsverluste haben.

Für den Schutz des Filmerbes sehr wichtig, dass die unkomprimierten und unverschlüsselten Quelldateien (Digital Master) der Filmproduktion langfristig gesichert werden. Stattdessen gelangen – wenn überhaupt, höchstens die verschlüsselten und komprimierten digitalen Kopien wie z.B. Digital Cinema Package (DCP) in das Archiv. Es reicht ja auch nicht, dass man eine Festplatte ins Archiv legt, die dann irgendwann nicht mehr lesbar ist, sondern es müssen zuverlässige Systeme der digitalen Langzeitsicherung eingerichtet werden.

Glauben Sie, dass man das in absehbarer Zeit erreichen wird?

Ich bin jemand, der positiv denkt. Aber derzeit ist die Situation leider desolat. Es sind riesige Verluste zu befürchten, wenn nicht bald die dringend notwendigen Maßnahmen zum verbesserten Schutz des Filmerbes ergriffen und Strukturen zur digitalen Langzeitsicherung der Filme geschaffen werden. Es drohen riesige Verluste nicht nur an analogem, sondern auch an digitalem Erbe. Die gravierenden Lücken werden sogar sehr bald sichtbar werden.

Das Problem ist, dass es noch keine absoluten Lösungen für die Langzeitarchivierung gibt. Also kann man eigentlich auch keine Forderungen oder Rechtsverbindlichkeiten aufstellen. Es kann sich dann nur um Zwischenschritte handeln, die eine zeitlich eingeschränkte Aufbewahrungsdauer ermöglichen, bis vielleicht spätere Generationen eine defacto endgültige Lösung finden.

Andererseits kann man aber auch sagen, dass sich das Problem der digitalen Archivierung und Sicherung für alle Bereiche stellt, nicht nur für den Film. Diese Strukturen müssen sowieso geschaffen werden, weil man es ja im Bundesarchiv und in anderen Archiven, z.B. im Parlamentsarchiv,in wachsendem Maße mit originär digitalem Material zu tun hat, mit elektronischen Dokumenten,  Dateien, E-Mails oder SMS, also mit Dateien, die langfristig gesichert werden müssen. Die Anforderung, Systeme der digitalen Langzeitsicherung einzurichten, stellt sich in allen Bereichen. Diese Aufgabe kann nicht von einzelnen Einrichtungen im Alleingang, sondern müsste in Kooperation und im Verbund verschiedener Kulturerbe-Einrichtungen bewältigt werden. Denkbar wären Kooperationen sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene.

Natürlich ist die digitale Sicherung (und Qualitätskontrolle) von Filmen um einiges komplexer als beispielsweise die von Textdateien. Bei der digitalen Langzeitsicherung müssen die Integrität und Authentizität gewahrt und sichergestellt werden, dass Bild und Ton unverfälscht bewahrt werden.

Das neue Forschungsgebiet  der digitalen Medienforensik befasst sich damit, wie man die Authentizität der Daten prüfen und feststellen kann, ob Daten im Nachhinein manipuliert wurden oder nicht. Das sind sowohl technische als auch ethische Herausforderungen, die sich für viele Institutionen gleichermaßen stellen.

Beim Schutz des Filmerbes ist auf die Einhaltung der ethischen Prinzipien zu achten, wie z.B. auf die Wahrung von Authentizität und Integrität. Ziel ist, das Filmwerk unverfälscht zu bewahren. Angesichts des fortschreitenden technischen Wandels ist dies keine leichte Aufgabe.  

Wir haben heute die Möglichkeit, uns die Filme auch im Internet anzuschauen, sie möglicherweise auch herunterzuladen und dort sehr intensiv und sorgfältig betrachten zu können. Ist das nicht eine große Chance für uns alle. Wenn es ein Erbe ist für die Menschheit, dann sollte es doch auch über diesen relativ einfachen und wirksamen Weg erfahrbar sein. Sie können sogar die Filme relativ hochwertig auflösend wiedergeben aber all diese Möglichkeiten sind leider noch nicht in dem mir gewünschten Maßstab verfügbar. Wie sehen Sie diese kommenden Möglichkeiten?

Das Internet führt zu einer verbesserten Sichtbarkeit der Arbeit von Kinematheken und es ermöglicht auch, die Informationen über die in den Archiven lagernden Bestände weltweit sichtbar zu machen. Als Benutzerin kann ich die Bestandskataloge online konsultieren und mich über die Sammlungen informieren, gegebenenfalls auch die Digitalisate der Filme selbst ansehen. Die Kinematheken können dadurch auch neue Wege der Filmvermittlung beschreiten, Informationen miteinander verknüpft präsentieren und die Filme kontextualisieren durch zusätzliche Informationen. Man kann die Bestände mehrerer Institutionen miteinander verlinken, so dass man beispielsweise ein Drehbuch mit einer vorhergehenden Fassung eines Drehbuchs in einem anderen Archiv im virtuellen Raum vergleichen könnte und ähnliches.

Das Berufsbild der Archivare bzw. Bibliothekare verändert sich damit auch. Die Archivare werden zunehmend zu Experten, die die Zuverlässigkeit von Daten validieren können und müssen.

Kommen wir zum Ende unseres Gesprächs. Wenn Sie für die Kinematheken einen Wunschkatalog oder Forderungskatalog aufzustellen hätten, was wäre das Ergebnis?

Eigentlich eine lange Liste. Ein großer Wunsch wäre die Einrichtung eines zentralen Bestandskatalogs, in dem man im Gesamtbestand aller Einrichtungen des Kinematheken-Verbundes suchen könnte, um Informationen über sämtliche in Deutschland  archivierten Filme und außerfilmischen Materialien zu erhalten. Das müsste man zentralisiert abfragen können.

Das sollte sicherlich auch standardisiert sein, wenn man in den Kinematheken Europas oder gar weltweit recherchieren möchte.

Ganz hervorragend ist z.B. in dieser Hinsicht die Datenbank des British Film Institute. Der gesamte Bestandskatalog ist nun online gestellt. Man kann in der gesamten Sammlung online recherchieren: nach Filmen, Schriftgut, Fotos, Büchern. Die meisten Kinematheken und Filmarchive in Deutschland geben bislang lediglich Auskunft über ihren Bestand an Benutzer- oder Verleihkopien. Das ist alles noch sehr unvollständig, was man an Information bekommt.

Ein solcher Bestandskatalog könnte auch wichtig für die ganze Strategie sein, wie man weiter voranschreiten will.

Die Einrichtung eines zentralen Bestandskatalogs ist eine notwendige Grundlage für die Entwicklung einer Strategie der Digitalisierung. Das wäre mein zweiter Wunsch: Dass eine Digitalisierungsstrategie auf nationaler Ebene entwickelt wird, die einher geht mit dem Aufbau eines zuverlässigen Systems der digitalen Langzeitsicherung der Filme.  

Und dann wünsche ich mir einen verbesserten Zugang zu den Filmen für Bildung und Forschung. Digitalisierte Filme und filmbegleitende Dokumente sollten in Schulen und Universitäten zum Einsatz kommen und für die Forschung genutzt werden können. Ein gutes Beispiel hierfür ist Frankreich, wo z.B. das Institut national de l’audiovisuel (www.ina.fr ) umfangreichen Zugang zu digitalisierten Materialien bietet.

Mein Wunsch ist auch, dass die Ausbildung auf allen Ebenen verbessert wird. Die Grundlagen der Sicherung und Zugänglichmachung von audiovisuellen Dokumenten sollten  in den archivwissenschaftlichen, bibliothekswissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Studiengängen vermittelt werden. Film und Medienkompetenz im Umgang mit bewegten Bildern sollte in den Schulen im Geschichtsunterricht systematisch unterrichtet werden. Für Lehrerinnen und Lehrer sollten entsprechende multimediale Materialien entwickelt werden. Es gibt dafür bereits Initiativen zum Beispiel in der Bundeszentrale für politische Bildung, aber das reicht nicht.

Was die Wunschliste anbelangt: Wenn ich ins Filmarchiv gehe, dann wünsche ich mir, dass ich mir das, was vorhanden ist, auch gleich ansehen kann, ohne lange Wartezeiten.

Auch die gesetzlichen Regelungen müssten verbessert werden. Die Regelungen sollten den Einrichtungen des Filmerbes ermöglichen, das Kulturerbe zugänglich zu machen und Bestandsinformationen online zu stellen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, Gesetze zu verletzen. In den USA zum Beispiel können die Kulturerbe-Institutionen auf Basis der fair-use-Regelungen sehr viel mehr digitalisierte Informationen verfügbar machen, als dies deutsche Einrichtungen können. Die Gesetzgebung müsste dahingehend geändert werden, dass die Institution ihrem Auftrag, Kulturgut zugänglich zu machen, gerecht werden können. Ebenso sollten auch spezielle Regelungen für Bildung und Forschung getroffen werden, so dass man das Material auch im Unterricht verwenden kann. Es gibt zwar in diesem Bereich Ausnahmeregelungen, die aber zeitlich befristet sind. Das kann nicht die Lösung sein.

Generell wünsche ich mir natürlich, dass der Film in Politik und Gesellschaft einen höheren Stellenwert und die verdiente Anerkennung als schützenswertes Kulturgut bekommt.

In den USA gibt es ein recht ausgeprägtes Mäzenatentum. Das gibt es bei uns nur für Bilder oder Kunstgegenstände. Beim Film gibt es so was nicht, oder?

In den USA kommt es durchaus vor, dass Filmfreunde oder Firmen sich als Sponsoren an den Kosten für die Restaurierung von Filmen beteiligen. Man findet dann z.B. im Abspann von restaurierten Filmen einen entsprechenden Hinweis. In Deutschland gibt es solche Modelle von Public-Private-Partnership noch nicht in dem wünschenswerten Umfang, das ist noch ausbaufähig.

Auch der deutsche Staat bzw. Bund und Länder haben sich in der Vergangenheit nicht in dem Maße für den Schutz des Filmerbes engagiert, wie dies angesichts der hohen Verluste an filmischer Überlieferung  und der nationalen Bedeutung des Kulturguts Film erforderlich gewesen wäre. Hier gibt es noch viel Raum für Verbesserungen. Man sollte die nationale Strategie zur langfristigen Sicherung des Filmerbes nach dem Vorbild der USA im Verbund mit den verschiedenen Interessensgruppen, Berufsverbänden und Experten entwickeln und hierfür einen breiten Konsens finden. Das wurde in den USA bereits Anfang der 1990er Jahre sehr weitsichtig gemacht: koordiniert von der Library of Congress, diskutierten die Interessensgruppen, darunter Produzenten, die großen Hollywood-Studios, Rechteinhaber, Filmschaffende, Filmhistoriker, Filmrestauratoren und Filmarchivare gemeinsam die nationale Strategie zum Schutz des Filmerbes. Und die Gesetzgebung zur Filmsicherung wurde daraufhin den Empfehlungen folgend eingeführt. Es war meines Erachtens eine sehr kluge Strategie in den USA, einen großen Personenkreis von Experten zu hören, den Konsens zu suchen, entsprechende Maßnahmen für den nachhaltigen Schutz des audiovisuellen Erbes zu empfehlen und hierfür auch die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das könnte Vorbildcharakter für Deutschland haben.

Es hat große Freude gemacht, mit Ihnen zu sprechen. Ich wünsche Ihnen, dass es gelingt, viele kompetente Menschen zu finden, die ein solches oder ähnliches Konzept zum Schutz des Filmerbes in Deutschland umsetzen können. Und ich würde das Gespräch gern fortsetzen, wenn es konkrete Schritte zu berichten gibt.

Norbert Bolewski


© Norbert Bolewski
© Foto von der Preisverleihung: Swenja Schiemann
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