TV und Film: 2015 and beyond (II)

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Autor: Norbert Bolewski

 


Vernetzung der Filmproduktion

Netzwerkbasierende Studioarchitekturen sind bei den Fernsehsendern üblich. Zur Zeit werden intensiv verschiedene Architekturen auf IP-Basis bzw. über Ethernet diskutiert, die bei der in der Zwischenzeit durchgängig filebasierten Arbeitsweise erhebliche Vereinfachungen und Strukturverbesserungen bieten werden. Die Digitalisierung und Vernetzung in der Filmproduktion steht indessen noch ziemlich am Anfang, ist aber insbesondere für große Filmstudios ebenso sinnvoll.

Medienstandort Babelsberg will Vorreiter sein

Der Medienstandort Babelsberg will nun Vorreiter werden: 15 Babelsberger Unternehmen und Hochschulen wollen bei einem dreijährigen Großprojekt mehr als acht Millionen Euro in die Entwicklung neuer digitaler Techniken und in die bessere Vernetzung stecken. Für das Vorhaben unter dem Namen „D-Werft“ gab es nach monatelangem Vorlauf im November vorigen Jahres auch vom Bundesforschungsministerium grünes Licht. Bis zu sechs Millionen Euro Fördermittel könnten die Babelsberger damit vom Bund für das Projekt bekommen. 2,5 Millionen Euro wollen die beteiligten Firmen und Institutionen – darunter das Studio Babelsberg, das Deutsche Rundfunkarchiv, das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI), das TV-Produktionsunternehmen Grundy Ufa sowie die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (HFF) – zudem aus Eigenmitteln aufbringen.

Am 18. November 2014 fand in diesem Zusammenhang die „dwerft-Konferenz“ im Babelsberger fx.Center statt, auf der einen ganzen Tag lang vor allem die technischen Anforderungen und  Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen einer Filmproduktion – angefangen von der Produktion bis zur Archivierung und Distribution dargestellt wurden. Einen guten Gesamteindruck vermittelte die Keynote von Peter Effenberg (Foto), dem mit diesem Projekt bei transfer media betrauten Produktionsleiter, auf dessen Referat ein Teil dieser Darstellung basiert.

Peter Effenberg, dwerft-Projektsteuerung (transfer media) bei seiner Keynote im fx.center in Babelsberg (Foto: N. Bolewski)

Wandel in der Medienlandschaft

Die  Medienlandschaft vollzieht durch die Einführung der Digitaltechnik einen Technikwandel.  Technik und Kreativität sind aber heute vielleicht mehr denn je in diesem Metier nicht zwei diametrale Gegensätzlichkeiten, sondern können und sollten sich gegenseitig ergänzen. Zwar gibt es bei den Filmproduktionen immer noch welche,  die mit Film arbeiten. Aber der größte Teil aller Filmschaffenden arbeitet zunehmend digital. Die IT bietet sehr viele und neue Möglichkeiten. Sie verlangt aber auch eine wesentliche Änderung der  Arbeitsweisen.

Kollaboratives Arbeiten

Es gibt im Moment vor allem zwei Effekte, die diese neue Kerntechnologie mit sich bringt und die überlappend aus vollkommen unterschiedlichen Bereichen kommt. Der erste Effekt ist, dass es nun möglich ist etwas zu tun, was man früher immer getrennt gemacht hat. Natürlich wurden auch früher, beim 35-mm-Film, zusätzliche Informationen zu dem entsprechenden Content gebraucht. Aber jetzt wird es möglich, diesen Kontext tatsächlich auch mit dem Content gemeinsam zu speichern also nicht mehr in getrennten Datenbanken. Die logische Konsequenz daraus ist, sie nun auch gemeinsam zusammenarbeitend, also kollaborativ, nutzen und einsetzen zu können. Bild 1 zeigt sehr gut sowohl die Kernkompetenzen als auch die Datenvielfalt im Medienwertschöpfungsprozess auf. (Bild vergrößerbar per Mausklick)

Bild 1. Kernkompetenzen und Datenvielfalt im Medienwertschöpfungsprozess

Bild 1. Kernkompetenzen und Datenvielfalt im Medienwertschöpfungsprozess

Der zweite Effekt ist eigentlich durch das Internet entstanden, das künftig auch in der Produktion, der Archivierung und der Distribution eine große Rolle spielen wird. Der Endverbraucher nutzt schon seit einiger Zeit Bewegtbildinhalte orts- und zeitunabhängig. Und schließlich gibt es ja heute intelligente Endgeräte, um Filme, Szenen, Audio und vieles mehr darauf auch abzubilden.

Grundlagen schaffen

Bisher wurden und werden die eigentlichen AV-Daten, die von den Produktionen erstellt werden, einzeln gespeichert und die sogenannten Metadaten, die auch dazugehören, extern. Es ist aber technisch grundsätzlich möglich, Metadaten mit dem Content gemeinsam zu speichern. Und genau durch diese Verbindung können sie über den gesamten Weg von der Idee über das Drehbuch, über das Szenenbild, die Kameraaufnahmen, die Tricktechnik, den Schnitt bis hin zur Postproduktion, der Distribution einschließlich Werbung und schließlich bis zur Archivierung mit dem gesamten Content mitlaufen.  Und genau die Grundlagen dafür zu entwickeln und zu verifizieren war es, das bereits im März begonnene Projekt einem großen Kreis von Fachleuten aus dem gesamten Bereich des Filmschaffens zu vermitteln und das Projekt perspektivisch gesehen bis Ende 2017 als Projekt zum Abschluss zu bringen.

Es hat keinen Sinn, so Effenberg, nur alle Metadaten die erzeugt werden, einfach nur einzugeben, sondern sie müssen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Wo fallen welche Metadaten an? Wie können sie miteinander verzahnt werden? Und wo bringen sie am Ende des Tages auch einen geschäftlichen Gewinn? Denn letztendlich muss das Ergebnis zu einem Ziel führen: entweder zu einer Zeitersparnis, zu einer Kostenersparnis oder zu einer besseren Distribution. Bisher werden diese Möglichkeiten praktisch nicht benutzt. Der Vorteil, den Kontext jetzt mit zu speichern und damit die Daten transparent zu machen sowohl für den Herstellungsprozess als auch für die Distribution, diese Chance wurde bisher nicht genutzt. Wesentlich ist, dass der Kontext, der zu den einzelnen Filmen, Filmszenen oder was auch immer gehört, sofort gefunden wird.

Kein Content ohne Kontext

Der Kontext wird für den Content immer wichtiger, und zwar in mehreren Bereichen. Nicht nur für die Herstellung selber, sondern auch für die Monetarisierung. Dadurch können sich neue Geschäftsfelder ergeben. „Nicht weil wir andere Filme machen oder andere Geschichten erzählen, sondern weil wir in der Lage sind, über erfassten Kontext, über Techniken, die den Kontext erfassen lassen, ihn nun besser auswerten zu können oder ganz neue Wege von Werbung erfinden können“.  „Kein Content ohne Kontext“ so sein Slogan für die damit mögliche zeit- und ortsunabhängige Nutzung.  

Produktion

Bei der Produktion lassen sich im Moment mehrere Entwicklungen beobachten. Interessant ist, dass bei großen Firmen die reinen Produktinvestitionen seit vielen Jahren stagnieren. Die Service-Investitionen steigen allerdings deutlich an. Das bedeutet, dass sich große Sender und Produktionshäuser immer weniger Inhouse-Infrastruktur kaufen, um sie dann selber betreuen zu müssen. Sie setzen immer mehr auf Dienste, auf Services von Unternehmen, die genau das für sie machen und deshalb in der Lage sind, auf entsprechende Entwicklungen skalierbar zu reagieren.

Es hat vor kurzem eine neue Studie der IHS Technology gegeben, die das versucht haben, in Zahlen umzusetzen. Sie zeigen auf, dass die Aufgaben im Bereich Produktinvestitionen bei etwa 40 Milliarden Dollar im Jahr weltweit stagnieren während die Investitionen in Services von etwa 20 Milliarden 2009 auf über 40 Milliarden heute gestiegen sind. Das ist der Trend, über den auch in Babelsberg gesprochen wird.

Link Production Data Cloud

Es ist aber sicher nicht vernünftig anzunehmen, dass man mit und in einem System alles von A bis Z mit einem Mal vernetzen kann. Dafür bedarf es eines  immensen Aufwands, um die verschiedenen Bedürfnisse in den unterschiedlichen Vernetzungstechniken abbilden zu können. Deshalb ist das geplante Vorhaben, eine  Link Production Data Cloud aufzusetzen, ein zentraler Punkt dieses Vorhabens. Das ist praktisch der Kern, der es ermöglichen soll, Daten zwischen diesen einzelnen Vernetzungen austauschbar zu machen. Damit ergeben sich letztlich noch zwei weitere Effekte:  Kosten- und Zeitersparnis innerhalb der Produktion sowie das völlig neue Geschäftsfeld der Dienste für den Produktionsprozess.

Neue Geschäftsfelder

Die Distributionskanäle TV und Film sind weitgehend stabil - ergänzend hinzu kommt der neue Distributionskanal Internet und es gibt neue Märkte für Zusatzinformationen (HbbTV, OTT, VoD). Auch für diesen Markt ist der Kontext sehr wichtig, denn die Umsätze werden gerade dort immens steigen. In den deutschen Archiven lagert nach Meinung der Babelsberger noch interessantes Material für etwa 1,3 Millionen Stunden.

Wenn  orts- und zeitunabhängig entsprechender Content angeboten werden soll, muss er natürlich auch entsprechend transportiert werden. Dafür gibt es die Content Delivery Networks (DLN) deren Umsätze gigantisch steigen werden, so Effenbergs Prognose.

Fazit

Kontext ist einer der zentralen neuen Geschäftsfelder im Bereich Produktion, Archivierung und Distribution. Es gilt bei den Produktionsmitteln der Trend, weg vom Besitz, und hin zum skalierbaren Teilen, so das Fazit von Peter Effenberg.

Zum Projekt

Das Projekt ist in mehrere Verbundprojekte aufgeteilt, die auf der Konferenz am 18. November 2014 näher angesprochen wurden.

Verbundprojekt

Es hat das Ziel, Prozesse zur Produktion von Film- und Fernsehinhalten zu optimieren, insbesondere durch die Vernetzung von filebasierten Arbeitsschritten als auch anfallender Metadaten und audiovisueller Daten. Man unterteilt es in drei Untergruppen.

Linked Productions
Bei der Pre-Production über den Dreh bis hin zum Masterring entstehen Dienste und Techniken, die eine barrierefreie Vernetzung der Produktionsphasen ermöglichen und schon während der Produktion den Aufbau eines Archivs realisierbar gemacht werden sollen.

Cloud-basierte AV-Produktion
Anliegen ist, audiovisuelle Daten in der Cloud zu speichern und Post-Produktionsprozesse über die Cloud abwickeln zu können.

Filebasierte Qualitätsanalyse
Es sollen Techniken zur automatischen Erstellung und Auslieferung von Masterformaten, Qualitätsanalyse und System-Delivery entwickelt werden.

Verbundprojekt 2

Das Verbundprojekt 2 sieht Techniken zur Befundung und Digitalisierung von Filmmaterial vor. Ziel ist es, die digitale Zugänglichkeit von archiviertem Filmmaterial zu erhöhen und deren Verwertbarkeit im Produktionsprozess deutlich zu vereinfachen. Die zurzeit noch vorhandenen großen Probleme sollen mit einer halbautomatisierten Befundung und Digitalisierung von Filmmaterial überwunden werden.

Verbundprojekt 3

Es beschäftigt sich mit Techniken für die automatisierte Rechteverwaltung. Im Vordergrund steht die Anpassung von Rechte-Management-Systemen an die automatisierte Datenerfassung, die Untersuchung der gesetzlichen Voraussetzungen für die Verwertung von verwaisten Werken, die Entwicklung von Software für die Recherche nach Rechteinhabern verwaister Werte und ein Ontologie-Entwurf und Anknüpfung der Techniken an die Technologieplattform Link Productions Data Cloud.

Verbundprojekt 4

Es beschäftigt sich mit Themen der Distribution. Dabei werden die Metadaten, die in allen Stadien des AV-Wertschöpfungsprozesses anfallen, als semantischen Informationsressourcen zur Verfügung gestellt und für die weitere Wertschöpfung genutzt. Darüber hinaus sollen wissenschaftliche Analysen und Erarbeitung neuer Verwertungsszenarien die Entwicklungen des Marktes vorantreiben.

Verbundprojekt 5

Es widmet sich der Zukunftsforschung und dem Wissenstransfer und fokussiert sich dabei auf die Themenbereiche Produktionstechnik, technische Standards und Einsatz der Technik in der Kreativarbeit sowie Veränderungen im Mediennutzungsverhalten.

Erwartung

Das alles sind hochgesteckte Aufgaben und Ziele und es wird sicherlich interessant sein, auch schon vor Ende des Ablaufs des Forschungsprojekts 2017 immer mal wieder nachzufragen, welche Ergebnisse und Erkenntnisse erreicht werden konnten.


Für nähere Informationen wurde auf der Konferenz auf die Buchveröffentlichung „Digitalisierung der Filmproduktion und -verwertung –  der Markt und seine Potenziale“ verwiesen (Autoren Dirk Martens und Nadine Barthel). Es kann über die UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, bestellt werden. ISBN 978-3-86764-572-0.

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